Human Rights Watch fordert Aufklärung darüber, was mit 400 Verschwundenen aus dem Kosovo geschah. Ein Gespräch mit Fred Abrahams
Interview: Cathrin SchützFred Abrahams ist Leiter der Forschungsgruppe für Krisengebiete bei Human Rights Watch (HRW). Er war von 1995 bis 2000 zuständig für die Balkan-Arbeit der Organisation
In ihrem Buch »Die Jagd« schreibt die Ex-Chefanklägerin des Jugoslawien-Tribunals Carla del Ponte, nach dem Einzug der NATO-Truppe KFOR 1999 ins Kosovo seien zahlreiche Serben nach Albanien entführt worden. Dort seien sie vermutlich Opfer von Organraub geworden. Human Rights Watch konnte die dem Tribunal und der KFOR vorliegende Akte einsehen. Welchen Schluß legt die Lektüre nahe?
Den, daß eine Untersuchung dringend nötig ist. Noch als ich Del Pontes Kapitel zum Kosovo erstmals las, war ich skeptisch. Da ich sie jedoch als Juristin schätze, habe ich mich mit den Behauptungen näher befaßt und Beweise gefunden, die ihre Beschreibungen stützen. Es ist nicht klar, ob es den Organhandel tatsächlich gab – dafür sind die Beweise unvollständig. Aber wir wissen, daß 400 Menschen nach dem Krieg verschwunden sind, meist Serben. Und die Beweise sind erdrückend, daß Menschen über die Grenze nach Albanien gebracht wurden. HRW hat die Regierungen des Kosovo und Albaniens erneut öffentlich aufgefordert, Untersuchungen einzuleiten. Gibt es Reaktionen?
HRW hatte zunächst in persönlichen Briefen die Premierminister des Kosovo und Albaniens um die Einleitung von Ermittlungen gebeten. Eine Antwort haben wir nicht erhalten. Statt dessen haben beide Regierungen Del Ponte in den Medien scharf angegriffen und sie der Lüge bezichtigt. Diese Reaktion hat mich bewogen, mehr denn je an die Notwendigkeit einer Untersuchung zu glauben. Del Pontes Bericht über den Organraub hat weltweite Aufmerksamkeit erlangt. Ist nicht seit Jahren bekannt, daß Albanien in den Frauen- und Kinderhandel und vermutlich den internationalen Organhandel verwickelt ist?
Die von Del Ponte erhobenen Vorwürfe sind die ersten mir bekannten ernstzunehmenden Hinweise auf Organhandel in Albanien. Vorher gab es nur Gerüchte. Das hat sich geändert, jetzt gibt es Beweise für kriminelle Handlungen. Wir haben genug Fakten, um eine Untersuchung zu rechtfertigen. Laut Del Ponte war die nationalistische Terrortruppe UCK in Verschleppungen und Organraub verwickelt. Auch Geheimdienste attestieren die heute führende Rolle ehemaliger UCK-Kommandanten wie Agim Ceku, Hashim Thaci und Ramush Haradinaj in der organisierten Kriminalität. Ist der Appell von HRW daher nicht naiv, Kosovo solle eine Untersuchung einleiten und damit »zeigen, daß es ein Ort mit intaktem Rechtswesen ist«?
Ich erliege nicht der Illusion, daß man im Kosovo unverzüglich eine Untersuchung einleiten wird. Das ist auch nicht einfach, es gibt keinen funktionierenden Zeugenschutz. Trotzdem, es gibt gute Menschen, die nicht in einem Kosovo leben wollen, in dem Verbrechen vertuscht werden. Wenn die Verantwortlichen dort nicht bald handeln, können internationale Institutionen den nächsten Schritt gehen. Die UNO oder die EU wird im Kosovo die Macht haben, schwere Verbrechen zu untersuchen. Auch der Europarat hat mit Nachdruck Aufklärung gefordert. Kann man von diesen Seiten Aufklärung erwarten, wenn etwa der Spiegel (17/2008) einschlägige Lageberichte zum Kosovo so charakterisiert: »Sie zeichnen das Bild einer Clan-Gesellschaft, in der ein Häuflein krimineller Anführer das eigene Volk in Geiselhaft nimmt – mit Duldung der unter dem Aufklärungsbanner angetretenen Bürokraten aus Europa und der Restwelt«?
Die Macht und Ausbreitung der kriminellen Netzwerke im Kosovo sind ein ernstzunehmendes Problem und sollten auch in den EU-Ländern als solches wahrgenommen werden. Hat nicht vor allem die UCK den Rechtsstaat ausgehebelt, das Volk schon seit 1998 in Geiselhaft genommen und Kritiker mundtot gemacht? Was können also die »guten Menschen« im Kosovo gegen die Herrschaft der Kriminellen tun, ohne ihr Leben zu riskieren?
Die Demokratie im Kosovo erlaubt schon kritische Stimmen. Bis vor kurzem war die Partei von Ibrahim Rugova an der Macht, nicht die UCK. Aber natürlich ist es eine andere Sache, wenn von ernsten Verbrechen die Rede ist. Auch die »guten Menschen« können ohne effektiven Zeugenschutz schwerlich Informationen liefern. EU und UNO müssen helfen, ein funktionierendes Gerichtswesen aufzubauen. Ohne das kann Kosovo kein stabiler Teil Europas sein.Quelle: http://www.jungewelt.de/2008/06-10/055.php