Hier noch etwas über das Buch.
Wie ein Käsebrot im Ameisenhaufen
Die Debatte um den Islam öffnet sich: Nahed Selims weibliche Interpretation des Korans, Necla Keleks Plädoyer für die Befreiung des muslimischen Mannes und Ahmet Topraks Buch über die türkischen Männer
Von Hilal Sezgin
Nun sind 45 Jahre seit dem deutschen Anwerbeabkommen mit der Türkei vergangen – eigentlich eine hinreichend lange Zeit, um irgendwie nebeneinander herleben zu können. Doch plötzlich, seit ein, zwei Jahren, wimmelt es in allen Medien von Berichten zur Lebensweise muslimischer Frauen und Familien wie auf einem Ameisenhaufen, der aus heiterem Himmel von einem Käsebrot getroffen wurde. Es kann kein Zufall sein, dass diese Debatte in eine Zeit fällt, in der die Neuordnung des Nahen Ostens auf der Agenda westlicher Außenpolitik ganz oben steht. Und in eine Zeit, in der feministische Parolen so unbeliebt geworden sind, dass sich das Topos des orientalischen Patriarchats geradezu anbietet, um dem Status quo im eigenen Land zu schmeicheln.
Unter anderem wartet dieses Bücherfrühjahr mit einem Buch auf, es heißt Nehmt den Männern den Koran!, das unter dem Slogan »Kopftuch nein, Koran ja! Die Debatte über Frauen und den Islam geht weiter!« fernsehseriengleich beworben wird. Der Verlag hat wirklich sein Möglichstes getan, um sein Produkt mit einer unseriösen Anmutung auszustatten. Doch allem Anschein zum Trotz hat Nahed Selim, eine in den Niederlanden lebende Journalistin, hier ein äußerst nachdenkliches und zum religiösen Nachdenken anregendes Buch geschrieben, das an manchen Stellen zwar sprachliche Stolperstellen zeigt, an anderen Stellen aber Fragen, die eine Koranlektüre aufwerfen kann, so präzise auf den Punkt bringt und so originelle Antworten anbietet, dass man entzückt Heureka! rufen möchte.
Nicht anders als Altes oder Neues Testament irritiert auch der Koran den heutigen Leser, insbesondere die Leserin, durch manche Unebenheit. Poetische, transzendente Stellen wechseln mit nüchternen Passagen über Reglementierungen. Manche Suren wurden in Mekka, manche später in Medina offenbart, sind aber nicht entsprechend angeordnet. Nahed Selim nimmt sich den Koran nun als Gläubige vor, nicht als Skeptikerin, nicht als Anklägerin. Und während nach klassischem Verständnis der Koran als authentische Offenbarung Gottes gilt, verfolgt sie konsequent eine historische und kontextuelle Lesart.
Das ist als Gedanke nicht neu; auch dass der Koran viele Regelungen enthält, die deutliche Besserungen für die Frauen der Arabischen Halbinsel einführten, ja dass der Koran dort überhaupt erst den Gedanken der Rechtsstaatlichkeit etablierte, ist bekannt. Und doch findet Selim zu einigen wirklich überraschenden Ergebnissen, insbesondere was das Erbrecht oder Empfehlungen zum Sexualverhalten angeht.
Manche der entsprechenden Koranstellen kann man als Muslimin kaum ohne Beklemmung lesen, weil es so offensichtlich scheint, dass der Gott, der hier spricht, den Männern (und seinem Propheten) näher stand als den Frauen (und dessen Ehefrauen). Wie Selim sagt: »Genau genommen fühle ich mich wegen dieser und anderer Textstellen vom Koran verraten und enttäuscht.« Und bereits Mohammeds Frau Aischa spottete (so zitiert Selim): »Dein Gott ist aber sehr entgegenkommend und schnell in der Erfüllung deiner Wünsche.«
Wenn sich zwischen den Suren Passagen finden, die offenbar zwischen Mohammed und den Seinen Partei ergreifen, liest Selim diese nicht als bindende Offenbarung für alle Gläubigen, sondern als Hilfestellungen fürs damalige medinensische Tagesgeschäft. Denn zwar sei das »Wesen des Korans göttlich, von Gott stammend, aber die Worte sind die Worte des Propheten Mohammed, in verschiedenen Graden der Ekstase und Authentizität«. Manche werden diese Auffassung für ketzerisch halten, anderen spricht sie aus der Seele – mit einer der vielfältigen Stimmen des heutigen Islams.
Es ist beeindruckend, wie offenherzig Selim argumentiert, wie leidenschaftlich sie hadert – und verzeiht: Das Aischa-Zitat zeigt bereits, dass sich Selim in bester Tradition befindet. Das allerdings würde eine andere Buchautorin wohl nicht so sehen – die Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek, die mit ihrem letzten Buch über »Importbräute« für heftige Diskussionen sorgte und auch in ihrem neuen Buch rasante Pauschalbehauptungen zum Islam ungeprüft fallen lässt wie andere Leute Kassenbons: »Ein eigener Wille steht dem Gläubigen nicht zu.« Oder: »Da im Koran und in der Sunna nach Auffassung der Rechtgläubigen bereits alles gesagt ist, gibt es die Frage ›Warum?‹ im Islam nicht.« Eigentliches Thema des zweiten Buches: »Muslimische Jungen wachsen ohne Liebe auf.«
Befasst hat sie sich allerdings nur mit solchen »muslimischen« Jungen, die weder den sozialen Aufstieg noch überhaupt den Anschluss an die deutsche Mehrheitsgesellschaft geschafft haben. Wieder orientiert sich Kelek an extremen Fallgeschichten, die sie dann verallgemeinert – nicht ohne gelegentlich darauf hinzuweisen, dass es sich um nicht verallgemeinerbare, doch signifikante Einzelfälle handele (ein Vorgehen, das sie »qualitative Sozialforschung« nennt).
Unter anderem besucht Kelek ein Männergefängnis, und die Lebensgeschichten, die sie von den türkischstämmigen Insassen zu hören bekommt, sind entsetzlich. In den Heimatdörfern der Gefangenen gab es kaum schulische oder ärztliche Versorgung, dafür Hunger, krasse Armut und im kurdischen Teil der Türkei auch Krieg. Die Ausbeutung der Arbeitskraft der Kinder durch die Eltern war ebenso an der Tagesordnung wie ihre Instrumentalisierung bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Dass es im späteren Verlauf solcher Leben zu Drogendelikten und Gewalt gegen Frauen kommt, nimmt man ohne große Überraschung zur Kenntnis.
Überhaupt ist Kelek immer da am überzeugendsten, wo sie vom Leid der Kinder spricht, beispielsweise vom Jammer eines Jungen erzählt, der ohne Narkose beschnitten wurde. Wenn es aber um Erwachsene geht, kennt sie keine Gnade. Da wird zwischen Armut und Verbrechen nicht groß unterschieden, nicht zwischen Islam und Dummheit oder Ackerbau und Waffenbesitz. Allzu oft haben Eltern und Anverwandte ein »Herz aus Stein«, und »Clans«, »Stämme« und »Sippschaften« ziehen unglaublich verdächtig in den Bergen herum, als ob das Vorhandensein von Gebirgen und darauf weidenden Ziegenherden allein schon ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellte.
Dieser Märchensound ist kaum geeignet, mehr als einen diffusen Abscheu gegen das anatolische Hochland zu erzeugen. Wie wenig Verlass aber leider auf Keleks feministische Instinkte ist, zeigt die schockierende Geschichte einer gegen ihren Willen verheirateten Türkin, die von Kelek nur »Aslans Frau« genannt wird. Aslans Frau also war »froh, die Hochzeitsnacht überlebt zu haben«, und wollte sofort die Scheidung; doch musste sie jahrelang ausharren, weil der Mann auf der Geburt eines Kindes bestand. Kelek berichtet von einer Paartherapie mit dem Happy End: »Inzwischen haben sie Zwillinge bekommen.« Warum um Himmels willen hat man dieser Frau nicht aus der Zwangsehe herausgeholfen?
Dieser Lapsus ist symptomatisch. Und so möchte man einerseits jeden unterstützen, der sexuelle Gewalt zum Thema macht – andererseits merkt man: Wird sie auf diese Weise angesprochen, hilft es wohl keinem und keiner. Kelek schürt nämlich einen Opferdiskurs, der für die Betroffenen doppelt abwertend ist und den man, bezogen auf den »deutschen« Feminismus, keiner Autorin mehr durchgehen lassen würde.
Gleichzeitig lehnt sie es kategorisch ab, ein Wechselspiel zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft in Erwägung zu ziehen, sondern hebt gut neoliberal stets die Verantwortung des Einzelnen (Migranten) hervor, sich am Schopf der Verzweiflung aus dem Sumpf der Tradition zu ziehen – eine äußerst unglückliche Mischung.
Ganz anders verfährt hier Ahmet Toprak, der seiner ungleich tiefer schürfenden Studie Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer noch zahlreiche Vorschläge für soziale Einrichtungen und Informationskampagnen beigefügt hat, die den Handlungsspielraum betroffener Frauen erweitern würden. Und in der Tat müssen wir uns hüten, diese Frauen als Kanonenfutter für innerdeutsche Grabenkämpfe um »Integration« und »Kulturkampf« zu missbrauchen. Wer unter innerfamiliärer Gewalt leidet, kann nicht warten, bis seine Kinder ein makelloses Deutsch und eine unbedeckte Haarpracht vorweisen können, sondern muss in seinen Rechten, vor allem aber in den Möglichkeiten der Wahrnehmung dieser Rechte gestärkt werden – heute, jetzt.
Die Schönheit eines Menschen sieht man in seinen Augen und nicht an der Figur.