| Beitrag 527 von 1.558 (34%) | Anfang zurück weiter Ende |
| Väterradio http://www.vaeterradio.de Julisendung - Der Wald des Lebens - Das Märchen von Hänsel und Gretel - Gäste: - Maria Faber - Religionspädagogin im Bischöflichen Ordinariat Magdeburg - Dr. Hans-Joachim Maaz - Psychiater und Psychoanalytiker und Autor verschiedenster Bücher |
Na ja, nicht gerade positiv, aber man sollte auch die (Schein-)Argumente der Gegner zum Wechselmodell kennen, um sie widerlegen zu können:
1. Das Wechselmodell aus 'Sachverständigensicht'
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 278 Nächster Seitenumbruch
Verweise
Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht*
Diplom-Psychologen Dr. Jörg Fichtner und Dr. Dr. Joseph Salzgeber, München
Gerade im Rahmen von familienpsychologischen Gutachten zu Fragen des Sorge- und Umgangsrechts werden Sachverständige in letzter Zeit zunehmend mit dem Wunsch von Elternteilen konfrontiert, die Betreuung der Kinder gleichmäßig zwischen den Eltern aufzuteilen. Die beiden Autoren - psychologische Sachverständige bei der GWG in München - versuchen neuere Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis der Begutachtung zusammen zu führen, um Risiken und Chancen des Wechselmodells aus Sachverständigensicht herauszuarbeiten.
I. Einleitung
Das Wechselmodell, bei dem das Kind möglichst gleich viel Zeit bei den getrennt lebenden Eltern wohnt, erfährt derzeit vermehrt Aufmerksamkeit: Bei den beteiligten Professionen1 als Lebensform der Nachtrennungsfamilie und in Internetforen - zumeist in Beiträgen vom jeweils getrennt lebenden Elternteil - als gerechte und dem Kindeswohl angemessene Sorgrechts- oder Umgangsregelung: Das Kind hat ein Recht auf beide Eltern. Das Kind solle daher auch nach der Trennung der Eltern mit beiden Eltern zusammenleben und deren Lebensweisen, Werte, Lebensstile erfahren.
Unterstützung finden die Befürworter des Wechselmodells bei sozialwissenschaftlichen Autoren. Erst kürzlich wurde von Klenner2 ausgeführt, dass die beste Lösung zur Gewährleistung des Rechts des Kindes ein 50%iger Umgang mit dem anderen Elternteil sei. Dieser bewahre das Kind vor dem Verlust eines Elternteils. Prinzipiell solle das Kind mit beiden Eltern so oft und so lange zusammen sein wie nur irgendwie möglich. Einen Bezug zu entwicklungspsychologischen Erkenntnissen stellt der Autor aber in seinem Beitrag nicht her.
Bisher existieren wenige familiengerichtliche Beschlüsse zum Wechselmodell. Diejenigen, die vorliegen, achten auf eine geringe Distanz zwischen den Wohnungen beider Eltern, damit das sozial-räumliche Umfeld für das Kind erhalten bleibt. Wichtig ist auch ein niedriges Konfliktniveau bei den Eltern3.
II. Vorannahmen des Wechselmodells
Bei den Befürwortern des Wechselmodells wird mit einem Kindeswohlbegriff argumentiert, der auch sozialwissenschaftliche Unterstützung findet: Prinzipiell sei der Kontakt des Kindes zu beiden Elternteilen nach Trennung und Scheidung förderlich. Weitergehend wird unterstellt, dass durch einen möglichst umfangreichen Kontakt die Folgen der Trennung und Scheidung für das betroffene Kind minimiert würden. Zudem fördere eine intensive Einbeziehung des getrennt lebenden Elternteils das Kindeswohl, da das Kind durch die unterschiedlichen Lebenswelten der Eltern Anregungen erfahre, ferner die Beziehungen und Bindungen umfänglich, d.h. nahezu vergleichbar zur intakten Familie, aufrechterhalten bleiben können mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Identifikationsentwicklung des Kindes. Für die konkrete Gestaltung des Wechselmodells finden sich unterschiedliche Vorschläge. Es kann ein wöchentlicher Wechsel des Kindes erfolgen, ein jährlicher Wechsel oder die Aufenthaltszeiten des Kindes bei einem Elternteil während der Woche werden zwischen den Eltern minutiös, in Abhängigkeit anderer zeitlicher Verpflichtungen und in zeitlicher Abstimmung mit weiteren Verpflichtungen aufgeteilt. Eine Alternative zum Wechsel- oder Pendelmodell stellt das so genannte Nestmodell dar, bei dem das Kind in derselben Wohnung wohnt, die Eltern sich aber in der Betreuung des Kindes hälftig abwechseln.
Vor dem Hintergrund dieser Argumentation werden - selbst bei einseitiger Sorgerechtsregelung - in streitigen familiengerichtlichen Verfahren Anträge auf Umgangsregelungen gestellt, die sich dem Wechselmodell annähern. Schon bei Säuglingen und Kindergartenkindern werden am Familiengericht bei streitigen Verfahren Besuchsregelungen diskutiert, welche vorsehen, die Abstände zwischen den Besuchen beim (in den meisten Fällen) getrennt lebenden Vater möglichst kurz zu gestalten. Argumentiert wird mit dem unterschiedlichen Zeitempfinden bei Kindern4. Auch in der US-amerikanischen Literatur finden sich Vorschläge, bereits Säuglinge möglichst häufig vom getrennt lebenden Elternteil mitbetreuen zu lassen, damit dieser Förderkompetenz und feinfühliges Verhalten gegenüber dem Kleinkind lerne, um dann als (hoffentlich) sichere wesentliche Bindungsperson in Zukunft für das Kind zur Verfügung stehen zu können5.
Neben häufigen Besuchkontakten, die oftmals Kinderpflege mit einschließen, werden gerichtlicherseits zunehmend schon bei kleinen Kindern Übernachtungen angeordnet. Noch 1994 hat Fthenakis, der nicht in Verdacht steht, einseitig mütterorientiert zu argumentieren, Übernachtungen bei Kindern bis drei Jahren nur ausnahmsweise empfohlen, und selbst bei Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren sollten - nach Fthenakis - Ferienaufenthalte in der Regel nicht länger als eine Woche dauern6.
Im folgenden Beitrag wird versucht, aus familienforensischer Sicht zum Wechselmodell Stellung zu nehmen. Es werden die wenigen zum Thema vorhandenen Forschungsergebnisse vorgestellt und im Hinblick auf das Kindeswohl relevante Kriterien diskutiert.
III. Wechselmodell und Gute Scheidung
Auffallend bei der Diskussion zum Wechselmodell ist die geringe Beachtung des Kindeswillens oder des wohlverstandenen Interesses des Kindes. Das Kindeswohl wird allein aus der Sicht der Eltern bestimmt. Diese Sicht speist sich aus der Vorannahme, dass, wenn sich die Eltern irgendwie auf eine Nachscheidungs- und Trennungsregelung für das Kind einigen, zudem der Konflikt zwischen den Eltern möglichst gering gehalten wird und beide Eltern dem Kind durch die ausgiebige Betreuungszeit ihre Liebe beweisen können, sich die negativen Folgen der Trennung und Scheidung für das Kind deutlich reduzieren lassen. Möglicherweise erziele das
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 279 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
Kind durch die Trennung der Eltern sogar einen Gewinn, da es einerseits die elterlichen Konflikte während der Ehezeit nicht mehr erlebt, zum anderen aber durch die Herausforderungen der unterschiedlichen Umwelten auch an Kompetenzen gewinnt.
Diese Annahme wurde bisher durch keine Scheidungsstudie bestätigt7. Alle Kinder leiden durch die Scheidung, sie werden in ihrem Vertrauen und ihrer psychischen Stabilität erschüttert. Qualitative Studien über von Trennung betroffene Personen zeigten eindeutig, dass eine Trennung der Eltern für die Kinder in jedem Fall einen erheblichen Einschnitt in ihrer Lebensqualität mit sich brachte und für die Kinder eine dauernde Herausforderung in emotionaler Hinsicht darstellte. Trennung und Scheidung muss zwar nicht zu klinisch relevanten Störungen oder zu überdauernden sozial auffälligen Verhalten führen. Die Vorstellung einer Guten Scheidung führt aber dazu, dass sich die Eltern relativ leicht trennen. Zwei Drittel der Ehen gehen auseinander, nicht weil heftige und hochkonflikthafte Spannungen in der Familie bestehen, sondern weil sich die Ehepartner unerfüllt oder zu wenig geliebt erachtet haben8. Mit einer Guten Scheidung können Eltern ihre Entscheidung leichter vor den Kindern rechtfertigen, obwohl sich kein Elternteil selbst vorstellen kann, wie es ist, in einem Wechselmodell zu leben, da der jeweilige Elternteil selbst keinen Wohnortwechsel erlebt. Die Eltern erleben zwar auch einen Wechsel, jedoch in Form einer hälftigen Betreuungsleistung für das Kind bzw. in Form des Wechsels aus An- und Abwesenheit des Kindes, d.h. sie müssen sich entsprechend organisieren beispielsweise hinsichtlich der Arbeitszeiten.
Fraglos ist eine hochkonflikthafte Trennung und Scheidung für die Kinder noch belastender als eine sanfte Scheidung. Aber auch die sanfte Scheidung und geringe Konflikte führen bei Kindern zu erheblichen Beziehungsproblemen, weil Kinder in ihren Beziehungen verunsichert werden, da sich diese ohne große Vorankündigung scheinbar leicht lösen lassen9.
IV. Wechselmodell vor dem Hintergrund psychologischer Erkenntnisse
Wie Kinder tatsächlich auf ein Wechselmodell oder zeitlich ausgedehnte Umgangskontakte reagieren, welchen Vorteil oder welche Belastungen sie erleben, darüber bestehen kaum aussagekräftige Forschungsergebnisse. Allerdings ist - im Gegensatz zu der optimistischen Haltung insbesondere bei betroffenen Vätern - in den psychologischen und pädagogischen Disziplinen eher eine skeptische Haltung in Bezug auf das gleichrangige Nebeneinander von zwei Wohnorten der Kinder auszumachen: So wird etwa aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht bei der Bewertung der verschiedenen Sorgerechtsmodelle nur das Residenzmodell als realistisch eingestuft10. Aus der Bindungsforschung kommt die Warnung, dass das Fehlen eines eindeutigen Zuhauses einen Risikofaktor darstellen kann11, und auch bei einer neueren Untersuchung zur Sorgerechtsregelung nach der Kindschaftsrechtsreform kommt Proksch zu dem Schluss, dass dieses Modell empirisch in der Bundesrepublik längst nicht die Bedeutung hat, die Anhänger ihm häufig unterstellen: Das so genannte Wechselmodell, bei dem die Kinder zwischen beiden Elternhäusern hälftig hin und her pendeln, gibt es grundsätzlich nicht. Das war ernsthaft auch nicht zu erwarten.12
Studien zu Folgen, Chancen und Gefahren des Modells finden sich in der deutschsprachigen Literatur aber kaum, und von den wenigen vorliegenden Ergebnissen kommen die meisten aus den USA; einige Ergebnisse solcher Untersuchungen trägt Kostka zusammen13: So fand Luepnitz14 noch vor der Kindschaftsrechtsreform, dass Familien, die das Wechselmodell praktizieren, sich seltener vor Gericht streiten und insgesamt ein niedrigeres Konfliktniveau aufweisen. Was hierbei Folge und was Ursache ist, bleibt aber der Interpretation der Daten überlassen. Nelson15 fand dagegen, dass Eltern mit praktiziertem Wechselmodell zwar mehr Gespräche über die Kinder führten, aber auch mehr Konflikte austrugen als bei anderen Modellen. Maccoby und Mnookin16 schließlich kamen in ihrer Studie zum Schluss, dass es auch unter der Wahl dieses Modells nicht zu weniger Konflikten und zu verbesserter Kooperation zwischen den Eltern kam. Werden die Kinder im Wechselmodell betrachtet, deuten die Daten von Johnston, Kline und Tschann17 darauf hin, dass Kinder in diesem Modell zwar mehr Kontakte mit beiden Eltern hatten, aber auch stärkere emotionale Probleme, ferner, dass sie vermehrt körperliche Aggressionen ausagierten. Gerade in der Retrospektive der Kinder zeigte sich das Wechselmodell nach den Interviews von Wallerstein sogar als schädlich für den Eltern-Kind-Kontakt, sofern die Kinder nicht von sich aus bereit zu diesem Modell waren und dazu gezwungen werden mussten18. Die Ergebnisse deuten insgesamt darauf hin, dass dieses Modell erhebliche Anforderung an Eltern und Kinder stellt und von allen beteiligten Seiten motiviert mitgetragen werden muss.
Eine im Zusammenhang mit dem Wechselmodell immer wieder angeführte Untersuchung von Bausermann scheint dagegen wenig geeignet, dieses Modell zu unterstützen. In dieser Metaanalyse werden generell keine Unterschiede hinsichtlich der Effekte zwischen physischer gemeinsamer Sorge (d.h. Wechselmodell) und juristischer gemeinsamer Sorge (ohne Berücksichtigung der Aufenthaltsregelung) gefunden. Ein Plädoyer für dieses Modell, das von Befürwortern hier immer wieder herausgelesen wird, ist daher aus dieser Untersuchung nicht ableitbar19.
V. Bindungsentwicklung
Aus der Bindungsforschung wissen wir, dass ein Kind eine stabile und zuverlässige Bindungsperson benötigt. Sowohl beim Vater als auch bei der Mutter ist dazu feinfühliges Elternverhalten gegenüber den Bedürfnissen des Kindes wesentliche Voraussetzung.
Bisher geht die Bindungsforschung davon aus, dass das Kind zu Beginn seiner Entwicklung nicht zu mehr als zu drei oder
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 280 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
vier Personen Bindungen entwickeln kann. Weiter lässt die bisherige Forschung den Schluss zu, dass das Baby zuerst zu einer Bindungsperson eine Bindung entwickelt haben muss, bevor es zu weiteren Personen Bindungen entwickeln kann. Daraus ist das Konzept der Bindungshierarchie entstanden, das zwar auch kritisiert20, von den Bindungsforschern aber bisher unterstützt wird21. In der Regel wird die primäre Bezugsperson diejenige Person sein, die die meisten Bedürfnisse des Kindes befriedigt, selbst wenn prinzipielle Bindungssicherheit bei beiden Eltern gegeben ist.
Wird aber von einer Bindungshierarchie ausgegangen, vermitteln die Eltern dem Kleinkind zumindest in den ersten drei Jahren unterschiedliche Grade von Sicherheit; das Ausmaß der vermittelten Sicherheit wird besonders dann bedeutsam, wenn das Kind in eine Stresssituation kommt, die ja bei Elterntrennung und den damit einhergehenden Konflikten in besonderem Maße anzunehmen ist. Die Folge daraus ist, dass gerade bei Kleinkindern der in der Regel stressvolle Übergang von der Hauptbindungsperson zu einer weiteren Bindungsperson nicht abrupt geschehen sollte, sondern im Rahmen einer vorsichtigen kooperativen Übergabe, da ansonsten das Bindungssystem beim Kind stark aktiviert wird, mit dem bekannten Weinen, Anklammern. Dieses kooperative elterliche Verhalten kann am ehesten dann erwartet werden, wenn beide Eltern freiwillig einem Wechselmodell zustimmen. Auch dann werden Irritationen beim Kleinkind auftreten, können aber minimiert werden, wenn z.B. die hauptbetreuende Mutter dem Kind erklärt, dass nun der Papa kommt und dass die Mama z.B. am Abend wieder zurückkommt, der Papa sich bei der Mama meldet, wenn Probleme auftauchen. Eine solche Kooperation kann aber bei einer streitigen Trennung und Scheidung nicht immer vorausgesetzt oder erreicht werden. Übernachtungen können gerade bei kleinen Kindern eine große Irritation bedingen, selbst wenn das Kind zu beiden Eltern eine sichere Bindung aufgebaut hat (was nicht in jedem Fall vorausgesetzt werden kann). Einige Autoren sprechen von Regressionen, die das Kind beim Zubettbringen durchläuft. Hierbei wird das Bindungssystem des Kindes aktiviert, was dann für das Kind die Anwesenheit der Hauptbindungsperson notwendig macht, um ihm die notwenige Sicherheit zu geben. Unkomplizierte Kleinkinder, die den Wechsel ohne erkennbare Auffälligkeiten vollziehen, sind nicht in jedem Fall der Beweis für gute Elternschaft nach Trennung, dies kann vielmehr ein Hinweis für unsicher-vermeidend gebundene Kinder oder gar für Kinder mit Bindungsstörungen sein
Damit das Kind zu einem Erwachsenen eine ihm emotionale Sicherheit vermittelnde Bindung aufbauen kann, muss dieser zu feinfühligem Verhalten dem Kind gegenüber bereit und in der Lage dazu sein. Während aber bei den Müttern dazu feinfühliges Versorgungsverhalten notwendig ist, scheint es (hierzu liegen noch keine gleichwertigen Forschungsergebnisse vor) beim Vater eher die feinfühlige Spielsituation zu sein22. Beim Verhalten der Eltern oder anderer zentraler Betreuungspersonen wird als wesentlich erachtet, dass ihre Feinfühligkeit das Erkennen der Bedürfnisse des Kindes, eine adäquate Interpretation dieser Bedürfnisse sowie eine angemessene Bedürfnisbefriedigung umfasst. Da die Bindung zum Vater eher über das Spielverhalten entwickelt wird, reichen für den Bindungsaufbau zu Vätern wesentlich weniger Zeitintervalle aus, als dies für das mütterliche Verhalten gilt. So ergaben die Untersuchungen von Ainsworth in Uganda, dass die Väter oftmals über mehrere Wochen von ihren Babys getrennt waren, sich dann aber intensiv mit den Kindern beschäftigten und sich dabei eine sichere Bindung vom Kind zum Vater entwickelte23.
VI. Beziehungs- und Versorgungsaspekte
Das Bindungskriterium kann also allein kein hinreichendes Argument sein, ein Wechselmodell oder umfangreiche Umgangskontakte zu begründen, selbst wenn das Kind zu beiden Eltern eine sichere Bindung aufgebaut hat. Eine Bindung, die dem Kind emotionale Sicherheit gibt, ist zwar Grundvoraussetzung für jede Umgangsregelung. Zusätzlich wird das Wohl des Kindes durch weitere Faktoren bestimmt, so durch feinfühliges Verhalten in der Erziehung, Umgebungsbedingungen, in der Versorgung, bei der Aufsicht des Kindes, Anbieten einer Vielfalt von Anregungen. Meist erfüllen beide Elternteile unterschiedliche Funktionen beim Kind. In der Regel liegt der Förderschwerpunkt bei der Mutter funktional im feinfühligen Fürsorgeverhalten, beim Vater im feinfühligen Spielverhalten. Die Anregungsqualität, die beide Eltern dem Kind gegenüber entwickeln, unterscheidet sich in der Regel geschlechtsspezifisch. Bei umfänglichen Betreuungskonzepten ist also sowohl die für einen längeren Zeitraum stabile Bereitschaft der Eltern zum Erbringen dieser Leistungen zu bedenken als auch die elterliche Kompetenz, diesen Anforderungen zu entsprechen, abzuwägen. Dies gilt sowohl für die Eltern als auch für dritte Personen, die in den Entscheidungsprozess einbezogen sind.
VII. Mehrere Betreuungspersonen
Unabhängig von der Bindungsqualität und den oben genannten Versorgungsaspekten stehen der Wechsel der Bezugspersonen bei jüngeren Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren und seine Auswirkungen auch in Abhängigkeit von weiteren Einflussvariablen. So zeigen Kinder, die bereits häufige Wechsel von Bezugspersonen gewohnt sind, z.B. da beide Eltern berufstätig sind oder die Kinder in einer Kinderkrippe fremdbetreut werden, weniger Auffälligkeiten24. Weiter ist das Konfliktniveau zwischen den Eltern mitentscheidend, beispielsweise wie sich atmosphärisch der Wechsel zwischen den Eltern für ein Kind gestaltet und wie der gerade nicht mit dem Kind zusammenlebende Elternteil durch den anwesenden Elternteil vermittelt bzw. repräsentiert wird.
VIII. Geschlechtsunterschiede
Weiter wurden geschlechtstypische Unterschiede in Bezug auf Reaktionen der Kinder auf Trennung von den jeweiligen Eltern nachgewiesen. Jungen bis ca. sechs Jahren reagieren auf die Trennung der Eltern und auf den Wechsel zwischen den Eltern mit höheren Irritationen, als dies für Mädchen gilt. Als mögliche Ursache wird einerseits genannt, dass Mädchen sich in diesem Alter verbal bereits besser ausdrücken können und somit auch ihre Bedürfnisse gegenüber den Eltern klarer formulieren können, als dies für Jungen gilt. Eine weitere Hypothese wurde dahingehend formuliert, dass die Interaktionen mit dem jeweiligen Elternteil unterschiedliche Bedeutung für die jeweiligen Geschlechter haben, wonach die Mädchen eher die Nähe zum Vater schätzen, von den Versorgungsleistungen der Mutter bereits unabhängiger sind, während die Jungen zwar von den geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen des Vaters profitieren, z.B. von seinem Entscheidungsverhalten und seiner Unterstützung des Explorationsverhaltens im Alltag, sie aber gerade zur Einschlafenszeit
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 281 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
regredieren und dann die feinfühlige Versorgung durch die Mutter benötigen. Aus diesem Grund zeigen gerade Fünfjährige bei Übernachtungen bei den Vätern oder anderen Verwandten häufig höhere Irritationen, als dies für Mädchen gilt25.
IX. Stabilität der weiteren Sozialbeziehungen
Bei den ersten Kindergartenbesuchen sind Eingewöhnungsschwierigkeiten für Eltern nichts Ungewöhnliches. Das Kind zeigt eine Aktivierung des Bindungssystems, klammert sich an den bringenden Elternteil, der häufig auch noch für längere Zeit anwesend sein sollte, bis das Kind vor dem Hintergrund der von ihm ausgehenden emotionalen Sicherheit sich langsam traut, das Umfeld zu explorieren26. Diese Verunsicherung des Kindes wird verstärkt, wenn sich das Kind in zwei verschiedenen Kindergärten eingewöhnen muss, erschwerend noch vor dem Hintergrund, dass auch nicht jeder Elternteil dem Kind die gleiche Qualität an emotionaler Sicherheit geben kann. Da Kinder ab dem Kindergartenalter über den Kontakt und Erfahrungen mit Gleichaltrigen moralische und soziale Normen im außerfamiliären Bereich entwickeln, ist ein kontinuierlicher Kindergartenbesuch daher kindeswohlförderlich.
Bei älteren Kindern, die schon zur Schule gehen, spielen weitere Faktoren eine Rolle wie der Schulweg, soziale Kontakte, die unterbrochen werden, wenn diese nicht wirklich verfügbar sind.
X. Mitentscheidung des Kindes
Wenn das Kind sieben/acht Jahre alt oder älter und damit kognitiv in der Lage ist, andere Positionen einzunehmen und zeitliche Vorstellungen zu entwerfen, dann werden die Aufenthalte des Kindes bei den Eltern auch von eigenen Interessen mitgeprägt. Das Kind sollte bei der Gestaltung der Nachtrennungsfamilie zunehmend im Mittelpunkt stehen und es sollte mitgestalten dürfen, ohne Verantwortung für Verlustängste oder Beziehungserwartungen der Eltern übernehmen zu müssen.
Dabei darf auch seitens der Eltern nicht einem vordergründig vorgebrachten Kindeswillen gefolgt werden. Wie die Scheidungsforschung27 aufzeigt, haben die Kinder meist ein ausgeprägtes Fairnessbedürfnis und äußern sich häufig dahingehend, dass sie möglichst hälftig bei jedem Elternteil leben wollen. Wenn sie aber gefragt werden, wie das konkrete Arrangement gelebt werden sollte, schlagen die Kinder meist kein Wechselmodell vor.
Sie wägen dann durchweg ihre zeitliche Verfügbarkeit, ihre Aktivitäten, ihre schulischen Verpflichtungen, ihre Freizeitaktivitäten ab, aber auch die Zeit und Aktivitäten, die sie bei den Eltern erwarten können. Meist werden feste Rahmenbedingungen gewünscht, die durchaus Flexibilität der Aufenthalte ermöglichen. Damit entsprechen ihre Vorstellungen auch anderen Ergebnissen der Scheidungsforschung, nach denen nicht das mit dem Kind zusammen verbrachte Maß an Zeit für das Kindeswohl entscheidend ist, sondern auf welche Weise der Elternteil die Zeit mit dem Kind nutzt. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch genügend gemeinsame Zeit zur Verfügung stehen sollte, um sich gegenseitig besser kennen zu lernen, und um ein Gespür füreinander zu entwickeln.
Kinder ab dem Alter von elf Jahren wollen zunehmend ihren eigenen Interessen nach Beziehungsgestaltung nachkommen. Der Kindeswille gewinnt daher an Entscheidungserheblichkeit. Sollte diesem nicht gefolgt werden, so besteht - wie auch die Scheidungsforschung belegt - in der Pubertät die erhöhte Gefahr eines Abbruchs zu der Bezugsperson, die sie gegen den Willen aufsuchen sollten28.
XI. Belastungen durch den Wechsel
Die jüngere Scheidungsforschung weist nach, dass Kinder getrennt lebender Familien die unterschiedlichen Lebensumfelder der Eltern nicht nur positiv bewerten - wie die Eltern vielleicht annehmen - sondern durch den Wechsel auch belastet sind. Die Familie, die nicht mehr zusammen lebt, unterscheidet sich qualitativ erheblich von einer Familie, die getrennt lebt, wie im Folgenden kurz ausgeführt wird.
1. Unterschiedliche Werte der Eltern
Während sich zusammenlebende Eltern bzgl. ihrer alltäglichen Erziehungsvorstellungen, Werthaltungen und in Bezug auf das Kind zu treffende Entscheidungen einigen müssen, so dass bei Uneinigkeit letztlich eine Lösung gefunden werden muss - selbst wenn diese Diskussion heftig vor dem Kind ausgetragen wird -, ist dies bei getrennt lebenden Elternteilen nicht mehr der Fall. Getrennt lebende Eltern gestalten ihr Leben nach ihren individuellen Werten, Vorstellungen, Ideologien und persönlichen Verhaltensstilen, denen sich das Kind jeweils anpassen muss. Es findet, mit Ausnahme erheblicher, das Kindeswohl berührenden Entscheidungen, keine Kompromisslösung mehr statt; das Kind muss seine Konflikte bei Wertediskrepanz innerpsychisch für sich lösen.
2. Reden über die Probleme
Eine Diskussion des Kindes mit dem jeweiligen Elternteil ist auch bei praktiziertem Wechselmodell schwerlich möglich. Es soll sich ja nach den Erwartungen des jeweiligen Elternteils im Umfeld, in dem es sich gerade aufhält, wohl fühlen. Die Eltern verhalten sich ja gängigen Vorstellungen gemäß perfekt im Sinne des Kindeswohls. Diskrepanzen und Konflikte bei der Erziehung werden nicht mehr von den Eltern gelöst, was eigentlich deren Aufgabe ist und nicht die des Kindes. Dies erfordert vom Kind ununterbrochen Anpassungsleistungen, dem Kind wird nicht deutlich, welche jeweilige Ordnung die Richtige ist.
Meistens sprechen die Eltern nicht über die Not der Kinder. Dies gilt gegebenenfalls noch mehr, wenn sie kooperativ miteinander umgehen, da sie nicht verstehen, warum ein Kind unter dem Wechsel leiden sollte, da sie doch alles tun, was in den Scheidungsratgebern steht. Damit bleibt das Kind häufig allein und fühlt sich auch entsprechend29. Zudem werden die Diskussionen mit dem Kind nicht kindgemäß geführt, es werden von den Eltern Loyalitäten vom Kind erwartet. Dies führt dazu, dass sich die Kinder häufig als Spielball elterlicher Erwartungen erleben oder als in der Mitte zwischen beiden Eltern stehend auffassen.
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 282 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
3. Kontinuität
Durch den intensiven Kontakt zu beiden Eltern bleibt zwar die Beziehungskontinuität erhalten, andere Kontinuitäten werden aber durchaus unterbrochen. Das Kind erlebt aber bei dem jeweiligen Elternteil auch Brüche im Sinne von Veränderungen, die den jeweiligen Elternteil für das Kind anders erleben lassen. Daran muss sich das Kind zusätzlich gewöhnen und muss diese Veränderung bei den Eltern verarbeiten. Nach der Trennung sind meist beide Eltern und vor allem allein betreuende Mütter finanziell schlechter gestellt, oftmals muss das gemeinsame Heim zu Gunsten weniger komfortabler Wohnungen aufgegeben werden. Allein erziehende Mütter neigen stärker zu Depressivität und sind in ihrer Versorgungskompetenz häufiger eingeschränkt als solche in kompletten Familien. Väter leben vermehrt neu gewonnene Freiheiten aus. Neue Partner kommen in das familiäre Leben, die Betreuung des Kindes wird unter Umständen auf neue Partner oder Großeltern delegiert30. Damit kommt es ebenfalls immer wieder zu Beziehungsbelastungen, zumindest aber zu erheblichen neuartigen Anforderungen. Auch berufliche Veränderungen treten häufig hinzu. Möglicherweise kommt es zu Erweiterungen der Familie, damit zu der so genannten Patchworkfamilie. All dies erfordert - auch im Rahmen des Wechselmodells - weitere Anpassungsleistungen, denen die betroffenen Eltern und Kinder entsprechen müssen, wobei die Kinder in der Regel nicht in die Entscheidungen über die geplanten Veränderungen mit einbezogen werden.
Gefahr besteht, dass sich Kinder angesichts der gravierenden Veränderungen ihrer Lebensverhältnisse ohnmächtig und ausgeliefert fühlen und mit Auffälligkeiten reagieren, sofern sie nicht in einem vertrauensvollen Dialog mit einem oder beiden Eltern stehen.
4. Loyalitäts- und Ambivalenzkonflikte
Gerade die Konflikte, welche die Eltern durch das Wechselmodell vermeiden wollten, werden in der Praxis des Wechsels doch wieder evoziert.
Jeder Elternteil erwartet, dass sich das Kind auf ihn freut und sich bei ihm wohl fühlt. Bei fast allen getrennt lebenden Eltern (auch bei zusammen lebenden Eltern) werden Eifersuchtsgefühle geweckt, wenn das Kind in positiver Weise vom anderen Elternteil spricht. Bereits die Art und Weise, wie das Kind über den anderen Elternteil berichtet, ist dazu angetan, den Elternteil vermuten zu lassen, dass das Kind den gerade abwesenden Elternteil bevorzugt. Bei den getrennt lebenden Eltern ist nicht jedes Kinderzimmer gleich geräumig, nicht jede Wohnung ist so gestaltet, dass sich das Kind dort gleich wohl und heimisch fühlt. Jeder Erwachsene hat ein Gefühl von Heimat, das atmosphärisch auch mitbestimmt wird davon, wo man sich aufhält und seine persönlichen Sachen aufbewahrt hat. Diese äußeren Umstände können bei zwei Haushalten nicht immer gleichwertig verteilt sein. Jedes Kind wird daher diesbezüglich Abwägungen vornehmen (müssen), wird sich aber nicht immer frei fühlen, seine Überlegungen, Sehnsüchte, Wünsche, Sorgen und Traurigkeiten, offen und ohne ein Elternteil zu verletzen, vorzutragen.
Das Kind wird sich sowohl für das Wohlbefinden des anwesenden als auch des abwesenden Elternteils verantwortlich fühlen (Parentifizierung). Oftmals passt sich das Kind dem Bedürfnis und der Erwartung des Elternteils an, der einen neuen Partner gefunden hat, und stellt dabei eigene Gefühle, etwa der Eifersucht, zurück.
5. Unsicherheit
Leben die Eltern zusammen, ist es unwahrscheinlich, dass die Eltern mit Fremdunterbringung drohen können - außer in besonderen Situationen, wie bei bestehender Drogenabhängigkeit, Straffälligkeit und ähnlichen - das Kind akut gefährdenden - Vorfällen. Das Wechselmodell fördert hingegen latent eine Haltung des Elternteils, das Kind bei Erziehungsschwierigkeiten aufzufordern, beim anderen Elterteil zu bleiben, was das Kind, das in der Regel durch die erlebte Elterntrennung emotional bereits vorbelastet ist, erheblich verunsichert. Aber auch das Kind kann seinerseits mit der Möglichkeit drohen, ganz zum anderen Elternteil zu wechseln, etwa, um dadurch Erziehungsmaßnahmen zu entgehen, wodurch die Autorität der Eltern erheblich geschwächt wird. Zudem besteht besonders die Gefahr, dass Eltern sich für auftretende Erziehungsschwierigkeiten gegenseitig beschuldigen.
6. Räumliche Umwelt und kindliche Entwicklung
Heimat ist ein Singularwort (Der Begriff Heimat existiert nur im Singular.). Erwachsenen fällt es schwer, wöchentlich den Wohnort zu wechseln und sich überall heimisch zu fühlen, ohne dabei - wie das bei Kindern im Wechselmodell der Fall ist - auch noch den emotionalen Druck zu verspüren, sich mit dem jeweiligen Elternteil gut zu verstehen. Zwar existieren im deutschen Sprachraum keine entwicklungspsychologischen Untersuchungen zur Bedeutung des räumlichen Umfeldes und die möglichen durch Wechsel oder Konstanz herbeigeführten Konsequenzen auf die kognitive Entwicklung der betroffenen Kinder vor. Gleichwohl weisen bereits ältere Studien auf die Bedeutung der räumlichen Umwelt auf die psychosoziale Entwicklung von Kindern hin:
Aus den 80er und 90er Jahren liegen verschiedene psychologische Untersuchungen aus dem Darmstädter Institut für Wohnen und Umwelt31 vor, die z.B. Zusammenhänge zwischen beengten Wohnverhältnissen und Entwicklungsstörungen bei den Kindern und eine Zunahme von familiären Konflikten aufzeigen. Auch zeigen sich generelle Einflüsse der materiellen Umwelt auf die kindliche Entwicklung und insbesondere die Bedeutung des free ranges, d.h. der freien Gestaltbarkeit der Umwelt, auch durch die Kinder im Sinne der ökologischen Theorien von Bronfenbrenner32 im Rahmen der Entwicklungspsychologie. Neuere Untersuchungen weisen auf geschlechtsspezifische Bedürfnisse von Präpubertierenden in Bezug auf ihr Wohnumfeld hin33. Diese Untersuchungen lassen zwar keine eindeutigen Schlüsse hinsichtlich der Wirkung pluraler Heimaten auf die kindliche Entwicklung zu, machen aber zumindest deutlich, dass hier nicht zu unterschätzende Wirkmechanismen vorliegen dürften.
XII. Kindeswohl als juristische Eingriffsschwelle
Juristisch ist die Elterneinigung das wesentliche Sorgerechtskriterium. Unterhalb der Elterneinigung hat der Staat nur im Rahmen des § 1666 BGB, also bei Kindeswohlgefährdung, einzugreifen. Prinzipiell sollten sich die Eltern bezüglich ihrer Kinder einigen und werden in der Regel das beste Modell für ihre Nachtrennungsfamilie finden. Dies bedeutet nicht, dass
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 283 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
der Staat ein bestimmtes Nachtrennungsmodell präferieren sollte, auch wenn dies aus alltagspsychologischer Sicht überlegen erscheint.
Modelle - wie auch das Cochemer Modell34 - erheben die Forderung, dass sich die Eltern bezüglich ihrer Kinder einigen müssen. Ob bei Elterneinigung das Kindeswohl unter Einbeziehung der Kinder eine Rolle spielt, scheint durch die verschiedenen Scheidungsstudien eher unwahrscheinlich. Gerade wenn der Elternkonflikt am größten ist und die Partner sich zeitnah trennen wollen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Eltern produktiv gemeinsam mit dem Kind über ihre Trennung sprechen.
Der Zwang zur Elterneinigung bedeutet aber, eine Chance auf Klärung der familiären Situation zu verspielen, da der Staat dann erst wieder bei Kindeswohlgefährdung eingreifen kann. Gerade das familiengerichtliche Verfahren eröffnet die Möglichkeit, der Familie professionelle Hilfen dafür anzubieten, eine kindeswohlgemäße Gestaltung der Nachtrennungsfamilie zu finden. Sicher kann dabei nicht allein der Kindeswille zählen. Es müssen auch innerpsychische Vorgänge und Entwicklungszustände der betroffenen Kinder mitbeachtet werden.
XIII. Bewertung des Wechselmodells
Das Wechselmodell ist zunächst ein Modell aus der Sicht von Erwachsenen. Dahinter steckt die Annahme, dass eine Elterneinigung und damit geringe vor den Kindern ausgetragene Konflikte dem Kindeswohl am besten dienen. Auch wird hierbei meist unterstellt, dass die getrennt lebende Familie dadurch der früheren zusammenlebenden Familie strukturell am ähnlichsten wird und somit dem Kind möglichst wenig Trennungsfolgen zugemutet werden. Jede Trennung und Scheidung ist jedoch für das Kind belastend, und diese Belastung kann auch durch eine möglichst 50%ige Aufteilung der Eltern nicht aufgehoben werden, zumal - wie angesprochen - aus dem Wechselmodell spezifische Anforderungen und Risiken abgeleitet werden können.
Allerdings ergeben sich durchaus Konstellationen, in denen ein Wechselmodell eine Reduktion der Belastungen ermöglichen kann:
Aus sachverständiger Sicht - dies gilt auch für die Hochkonfliktfamilien - ist das Modell dann anzuraten, wenn dadurch der Auszug eines Elternteils aus dem bis dahin gemeinsamen Haushalt ermöglicht wird, da der zum Auszug bereite Elternteil nicht ohne sein Kind gehen möchte, andererseits das Zusammenleben unmöglich geworden ist und das Kind selbst sich nicht für einen Aufenthalt bei einem Elternteil entscheiden kann.
In dieser Konstellation ermöglicht das Wechselmodell einem Elternteil die Wohnung zu verlassen, ohne den Verlust des Kindes fürchten zu müssen. Zudem ermöglicht es dem Kind, die neue Lebenssituation zu erproben, die aber in absehbarer Zeit in eine dem Kindeswohl angemessene Regelung überführt werden muss.
In diesem Fall wäre das Wechselmodell nur ein Übergangsmodell bis zur späteren Entscheidung über den Aufenthalt des Kindes bei einem Elternteil.
Weiter kann das Wechselmodell sinnvoll sein, wenn die hochkonflikthaften Eltern sich auf ein solches Modell einigen, die sozial-räumliche Situation, die Kontinuität gewahrt bleibt und damit das Konfliktniveau vor dem Kind gesenkt werden kann. Hier liegt der Gewinn des Wechselmodells in einer Beruhigung der Eltern im Kampf um das Kind. Auch hier kann das Modell als Erprobungsphase gesehen werden.
Einige Kinder wollen dieses Modell weiter aufrechterhalten. Dann sollte diesem Modell gefolgt werden, wenn dieser Wunsch nicht einem falsch verstandenen Fairnessgedanken entsprungen ist und/oder das Kind nicht am Wechselmodell festhält, weil es sich um das emotionale Wohlbefinden der Eltern zu eigenen Lasten verantwortlich sieht.
Bei praktizierten Wechselmodellen, die die Eltern selbst organisiert durchführen, weil sie z.B. berufsbedingt auf dieses Modell angewiesen sind, oder weil sie selbst so leben wollen, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Übergänge für das Kind zwischen den Eltern positiv gestaltet werden. Wie die Scheidungsforschung aufzeigt, ist die Zufriedenheit der Eltern mit einem Regelungsmodell ein entscheidender Aspekt der Trennungsbewältigung für die Kinder35.
Entscheidend für das positive Gelingen eines Wechselmodells ist weiter, inwieweit die Mutter oder der betreuende Vater in seinem Haushalt den anderen Elternteil positiv darstellt. Psychologische Untersuchungen zeigen, dass gerade das Vaterbild von den Müttern transportiert wird, z.B. dass sie es zulassen, dass das Kind ein Foto vom Vater betrachtet oder die Mutter das Kind in positiver Weise auf gemeinsame Aktivitäten mit dem Vater vorbereitet (Heute darfst Du mit dem Papa zum Schwimmen gehen). Das alles gibt dem Kind Sicherheit.
Kooperierende Eltern tauschen sich auch über Rituale des Kindes aus und bringen das Kind zu dem Elternteil zurück, von dem das Kind die notwendige Unterstützung in bindungstheoretischer Hinsicht benötigt.
XIV. Schluss
Das Wechselmodell ist kein Regelmodell für die Nachtrennungsfamilie, das ohne weiteres als prinzipiell kindeswohlförderlich angesehen und daher in jedem Fall gefördert werden sollte. Schon während des gemeinsamen Zusammenlebens bringen die Eltern unterschiedliche Kompetenzen in die Versorgung und Betreuung des Kindes ein. Es macht keinen Sinn, dies plötzlich im Rahmen der Trennung zu verändern, so dass beide Eltern alle Elternfunktionen zeitlich aufgeteilt übernehmen, außer es liegen triftige Gründe vor, sei es, dass ein Elternteil ausgefallen ist, sei es, dass das Kind einen Wechsel zum anderen Elternteil dringend wünscht. Viele Kompetenzen müssen vor allem von dem bisher nicht in die Betreuung einbezogenen Elternteil gelernt werden, was im Rahmen der Trennungssituation unter den Stressbedingungen besonders schwierig erscheint. Gerechtigkeit ist kein Kindeswohlgesichtspunkt, außer dieser Gesichtspunkt würde dazu führen, dass für eine bestimmte Zeit das Konfliktniveau der Eltern verringert wird und dies zum Wohl des Kindes geschieht36.
Neuere Ansätze gehen davon aus, dass es nicht genügt, nur das Konfliktniveau zwischen den Eltern zu minimieren oder Elterneinigung zu erreichen37, um dem Kind möglichst Trennungsstress zu ersparen, sondern dass es vielmehr darum geht, sowohl die Eltern dazu zu befähigen, mit den Kindern angemessen über Trennung und Scheidung zu sprechen, deren
Fichtner, Salzgeber: Gibt es den goldenen Mittelweg? Das Wechselmodell aus Sachverständigensicht FPR 2006 Heft 7 284 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
Bedürfnisse besser zu erkennen, aber auch den betreuenden Elternteil zu unterstützen, um gerade in der Trennung beobachtbare Fürsorgeeinschränkungen des Elternteils nicht chronisch werden zu lassen. Häufig gilt es den jeweiligen Elternteil, der die Hauptbindungsperson für das Kind ist, zu unterstützen.
Ein starres Wechselmodell wird in den seltensten Fällen kindeswohlgemäß sein, weil Bindungen und Beziehungen selbst in einer intakten Familie Veränderungen und Wandlungen unterliegen, da das Kind unterschiedliche Bedürfnisse hat, die sich das Kind auch von unterschiedlichen Bezugspersonen erfüllen lassen möchte.
Das Modell kann zwar im individuellen Fall die aktuell beste Lösung darstellen, um die Scheidungsfolgen für die Kinder zu minimieren. Eine Standardlösung für die Mehrzahl der Scheidungsfamilien oder gar der goldene Weg wird es allerdings kaum sein können.
*Die Autoren arbeiten als psychologische Sachverständige in der GWG - Gesellschaft für wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie, München.
1So befasste sich der Arbeitskreis 3 auf dem 16. Familiengerichtstag 2005 mit den Kosten und Nutzen des Wechselmodells, abgedruckt S. 274 in diesem Heft.
2Klenner, Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe (ZKJ) 2006, 8.
3Z.B. OLG Dresden, FPR 2004, 619 = FamRZ 2005, 125.
4Heilmann, Kindliches Zeitempfinden und Verfahrensrecht, 1998; ders., ZfJ 2000, 46.
5Z.B. Lamb/Kelly, Family Court Review 2005, 13 (Overnights and Young Children, Special Issue); Warshak, Family Court Review 2005, 45 (Overnights and Young Children, Special Issue).
6Fthenakis, FPR 1995, 94.
7Wallerstein/Lewis/Blakeslee, Scheidungsfolgen - Die Kinder tragen die Last, 2002; Hetherington/Kelly, Scheidung, Die Perspektive der Kinder, 2002.
8Hierzu: Marquardt, Between Two Worlds, 2005 (s. Literaturempfehlung, S. 310 in diesem Heft).
9Vgl. die Studie von Amato, Journal of Family Psychology 2001, 335.
10Lempp, Die psychischen Grundlagen der Sorgerechtsentscheidung, in: Hommers, Perspektiven der Rechtspsychologie, 1991, S. 147.
11Grossmann/Grossmann, Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit, 2005.
12Proksch, Rechtstatsächliche Untersuchungen, 2004.
13Kostka, Im Interesse des Kindes? Elterntrennung und Sorgerechtsmodelle in Deutschland, Großbritannien und den USA, 2004.
14Luepnitz, Child Custody, 1991.
15Nelson, Divorce 1989, 154.
16Maccoby/Mnookin, Dividing the Child, 1994.
17Johnston/Kline/Tschann, American Journal of Orthopsychiatry 1989, 588.
18Wallerstein/Blakeslee, Gewinner und Verlierer, 1989; Wallerstein/Kelly, Surving the Breakup, How Children and Parents Cope with Divorce, 1980; Wallerstein/Lewis/Blakeslee, Scheidungsfolgen - Die Kinder tragen die Last, 2002; Wallerstein/Blakeslee, What about the Kids, 2003.
19Bausermann, Journal of Family Psychology 2002, 91. Ähnliches gilt für die Literaturanalyse von Jan Piet H. de Man, Ergebnisse Internationaler Tatsachenforschung zum Wohle des Trennungskindes, undatiert wohl 1998; z.B. http://www.pappa.com/divorce_child/gs_inttf.htm, bei der bekannte Ergebnisse der Scheidungsforschung äußerst couragiert als Belege für die Überlegenheit dieses Modells gelesen werden. Dass diese Studie in der Öffentlichkeit zusätzlich meist als empirische Untersuchung bezeichnet wird, liegt aber wohl außerhalb der Verantwortung des Autors.
20Z.B. Lamb/Kelly, Family Court Review 2005, 38 (Overnights and Young Children, Special Issue).
21Schon Bowlby nahm an, dass allein das Wissen um die Präsenz der wichtigsten Bezugsperson dem Kind Sicherheit vermittelt; Stroufe/ Waters, 1977, nannten dies gefühlte Sicherheit: Attachment as an organizational construct, Child Development, 48, 1184. Auch Brisch geht von einer Hierarchie von Bindungspersonen aus (Vortrag bei der GWG v. 10. 2. 2006).
22Grossmann/Grossmann, Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit, 2005, S. 189.
23Ainsworth, Infancy in Uganda: Infant care and the growth of love, 1967.
24Pruett/Ebling/Insabella, Family Court Review 2005 (special Issue), 95.
25Hierzu siehe: Pruett/Ebling/Insabella, Critical Aspects of Parenting Plans for Young Children: Interjecting Data into the Debate About Overnights, Family Court Review 2005, 85-106 (Overnights and Young Children, Special Issue).
26Während bei der Übergabe in den Kindergarten kaum ein Elternteil bei solchen Klammerverhaltensweisen des Kindes das Kind im Kindergarten bei der Kindergärtnerin abstellen würde, wird bei Übergaben zum getrennt lebenden Elternteil gerade dieses erwartet.
27Parkinson/Cashmore/Single, Family Court Review 2005, 43 (3), 429.
28Wallerstein/Lewis/Blakesle, Scheidungsfolgen - Die Kinder tragen die Last, 2002.
29Marquardt, Between Two Worlds, 2005 (s. Literaturempfehlung, S. 310 in diesem Heft).
30Moch, Familiendynamik 1996 (21), 268.
31Z.B. Zinn, Kindheit 1979, 293; Flade, Wohnungsumgebung als Erfahrungs- und Handlungsraum für Kinder, in: Erfahrungsfelder in der frühen Kindheit, 1993; dies., Kindgerechtes Wohnen, Bildung und Erziehung 1994, 57-71.
32Bronfenbrenner, Die Ökologie menschlicher Entwicklung, 2001.
33Kloeckner/Stecher/Zinnecker, Kinder und ihre Wohnumgebung, in: Das LBS-Kinderbarometer, 2002.
34Z.B. Füchsle-Voigt, FPR 2004, 600.
35Bausermann, Journal for Family Psychology 2002, 91.
36Differenzierte Bestimmung von Vorrausetzungen für ein Gelingen des Wechselmodells finden sich in dem Ergebnisprotokoll des Arbeitskreises 3 des 16. Familiengerichtstages 2005, S. 274 in diesem Heft (http://www. dfgt.de/Thesen_AK/03-Thesen_Arbeitskreis_3.pdf).
37Auch die FGG-Reform spricht in § 165 vom Einvernehmen der Beteiligten (wozu nach der Reform auch das Kind gehört) und nicht von Elterneinigung.
------
2. Bindungstheorie und Wechselmodell
Diplom-Psychologe Dr. Lothar Unzner, Erding
Bindungstheorie und Bindungsforschung belegen, dass die Qualität der frühkindlichen Beziehungserfahrungen die Grundlage für die psychische Sicherheit legt. Sichere Bindung wird als Schutzfaktor, unsichere Bindung als Risikofaktor für eine gesunde Entwicklung gesehen. Die Beziehung zu beiden Elternteile ist wichtig; sie ergänzen sich in unterschiedlichen Rollen. Von Trennung und Scheidung werden die Fürsorge- und Bindungssysteme der Eltern sowie das Bindungssystem der Kinder beeinflusst. Die Kinder brauchen die Lebensform, die sozial, zeitlich und örtlich möglichst große Stabilität gewährleistet. Je jünger das Kind ist, desto stressvoller erlebt es wiederholte Trennungen und Wechsel der Betreuungspersonen; es braucht ein eindeutiges Zuhause. Bedingungen, unter denen ein Kind flexibel zwischen Haushalten wechseln kann, werden formuliert.
I. Einleitung
In der UN-Kinderrechtskonvention, die 1989 von den Vereinten Nationen verabschiedet und von beinahe allen Staaten ratifiziert wurde, sind rechtliche Mindeststandards festgelegt, die die Entwicklung und das Wohl von Kindern und Jugendlichen sichern und schützen sollen. Die Vertragsstaaten verpflichten sich sicherzustellen, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, (
dass diese Trennung zum Wohle des Kindes notwendig ist (Art. 9 I UN-Kinderrechtskonvention). Die Vertragsstaaten achten das Recht des Kindes, das von einem
Unzner: Bindungstheorie und Wechselmodell FPR 2006 Heft 7 275 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
oder beiden Elternteilen getrennt ist, regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht. (Art. 9 III UN-Kinderrechtskonvention)1.
II. Einführung in die Bindungstheorie2
Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Das Bedürfnis nach sozialem Kontakt und emotionalem Austausch, nach Schutz und Sicherheit ist uns angeboren; die Bindungsbedürfnisse des Menschen sind genauso grundlegend wie das Bedürfnis nach Nahrung, Erkundung, Sexualität und Fürsorge für die Jungen. Alle Kinder entwickeln im Laufe des ersten Lebensjahres eine besondere Beziehung, eine Bindungsbeziehung zu einer oder mehreren nahe stehenden Personen. Diese Bindungsbeziehung hat die Funktion, dem Kind in unangenehmen, emotional belastenden Situationen, vor allem wenn die eigenen Ressourcen erschöpft sind, das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen zu geben. Das Kind zeigt sein Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung zum Beispiel in einer fremden Umgebung oder bei Anwesenheit fremder Personen, indem es Nähe und Kontakt zur vertrauten Person sucht, weint, die Arme nach ihr ausstreckt, sich an sie anklammert oder versucht, ihr zu folgen (Bindungsverhaltensweisen). Fühlt das Kind sich sicher und entspannt, kann es sich von der Bezugsperson lösen und neugierig die Umwelt erkunden.
Der Säugling lernt in den ersten Lebensmonaten, die wichtigen Bezugspersonen eindeutig zu erkennen und von anderen Personen zu unterscheiden. Im Verlauf des zweiten Lebenshalbjahres wird die Einzigartigkeit dieser Beziehungen deutlich; das Kind sucht die Nähe dieser Personen und lässt sich bei Kummer nur schwer von anderen Personen trösten. In den folgenden Lebensjahren wird die Beziehung zunehmend komplexer; die wichtigsten Bindungen werden stabilisiert. Das Kind reagiert in diesem Zeitraum, im zweiten und dritten Lebensjahr, besonders empfindlich auf Trennungen. Mit wachsenden kognitiven Fähigkeiten gewinnt es aber auch zunehmend Einblick in die Gefühle, Motive und Interessen der Bindungsperson und lernt, diese zu berücksichtigen und zu beeinflussen.
Komplementär zum Bindungssystem des Kindes sieht die Bindungstheorie das Fürsorgeverhalten des Erwachsenen. In Abhängigkeit vom Verhalten der Erwachsenen entwickelt sich die Qualität der Bindung des Kindes an seine Bezugsperson; eine Schlüsselrolle spielt dabei die (elterliche) Feinfühligkeit3. Feinfühlig auf die Bedürfnisse und die Kommunikation des Kindes einzugehen bedeutet, seine Befindlichkeiten und Bedürfnisse wahrzunehmen, diese aus der Sicht des Kindes zu verstehen und dann prompt und angemessen zu reagieren. Das Kind erlebt im Idealfall, dass die Bindungsperson bei emotionalen Belastungen verfügbar ist und dass es mit seinen altersgemäßen Bedürfnissen akzeptiert und wertgeschätzt wird. Feinfühlige Eltern fungieren als sichere Basis und sicherer Hafen für die Explorationsbestrebungen des Kindes. Diese Erfahrungen werden im Laufe der Entwicklung als interne Arbeitsmodelle der Umwelt, der Bindungsperson und der eigenen Person organisiert4. Das Kind erwirbt so die Grundlagen für die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls; es lernt, eigene mentale Zustände und die anderer Personen zu erkennen, und flexibel und angemessen mit negativen Affekten umzugehen und diese zu verarbeiten.
Kinder, deren Bedürfnisse wie geschildert in feinfühliger Weise beantwortet werden, entwickeln eine sichere Bindung5. Sie drücken als Kinder und Jugendliche ihre Bedürfnisse offen aus und holen sich die notwendige Zuwendung, wenn ihre eigenen Ressourcen erschöpft sind. Sie haben Vertrauen in ihre Bezugspersonen, dass diese ihnen helfen können und wollen. Erwachsene mit dieser Bindungsorganisation haben eine positive Einstellung zu sich selbst und schätzen affektive Bindungen (sicher-autonom).
Wenn die Bezugsperson jedoch wenig feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht und es in belastenden Situationen sogar ablehnt oder sich eher von ihm zurückzieht, so passt sich das Kind mit der Zeit daran an. Es zeigt seine Gefühle nicht mehr und sucht auch nicht mehr Trost und Nähe; es wirkt scheinbar unbelastet und versucht allein zurechtzukommen (unsicher-vermeidende Bindungsorganisation). Als Erwachsene idealisieren diese Personen Bindungen, werten ihre persönliche Bedeutung jedoch ab (unsicher-distanziert).
Wenn die Bindungsperson sich - für das Kind unvorhersehbar - manchmal feinfühlig, zu anderen Zeiten jedoch unfeinfühlig verhält, kann das Kind ihre Verfügbarkeit als Quelle der Sicherheit kaum einschätzen. Diese Kinder sind in Belastungssituationen sehr aufgeregt, hängen an der Bindungsperson, lassen sich aber gleichzeitig nur schwer trösten (unsicher-ambivalente Bindungsorganisation). Bei Erwachsenen findet man immer noch Verstrickungen mit den Bindungspersonen der Kindheit und deutlichen Ärger auf diese (unsicher-verwickelt).
Bei manchen Kindern brechen in Belastungssituationen ihre Verhaltensstrategien zusammen; dies zeigt sich in einer Reihe von ungewöhnlichen, oft nur kurzen Verhaltensweisen. Sie erstarren bei Anwesenheit der Bezugsperson für Sekunden und haben einen tranceähnlichen Gesichtsausdruck; bei Trennung schreien sie nach der Bezugsperson, wenden sich aber still ab, wenn sie wiederkommt; sie wenden sich bei Angst von der Bezugsperson ab. Die Person, die ihnen Sicherheit geben soll, löst gleichzeitig Angst aus. Sie erleben, dass sich die Bezugsperson manches Mal zurückzieht, als sei das Kind eine Quelle der Angst für sie, oder die Bezugsperson wirkt unbeteiligt. Diese Kinder versuchen, die Bezugspersonen zu kontrollieren, in dem sie ihnen Anweisungen geben oder sich überfürsorglich um sie kümmern (desorganisierte-desorientierte Bindungsorganisation6). Dieses Verhaltensmuster wurde häufig bei misshandelten Kindern und in Zusammenhang mit weiteren familiären Risikofaktoren wie psychischen Erkrankungen der Eltern und Alkohol- und Drogenmissbrauch gefunden. Bei Erwachsenen mit diesem Bindungsmuster findet man häufig unverarbeitete Traumata, z.B. Trennung von wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit.
Bindungsunsicherheiten führen nicht zwangsläufig zu psychischen und Verhaltensstörungen; sie sind jedoch wichtige Risikofaktoren, die im Zusammenwirken mit weiteren inneren und äußeren Faktoren eine gesunde kindliche Entwicklung gefährden können. Eine sichere Bindung hilft dem Kind als Schutzfaktor, kritische Lebenserfahrungen zu bewältigen.
Unzner: Bindungstheorie und Wechselmodell FPR 2006 Heft 7 276 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
Am deutlichsten belegt sind die langfristigen Zusammenhänge mit der Bindungsdesorganisation7. Diese Kinder haben häufig Probleme mit Gleichaltrigen, haben auch mehr sonstige Verhaltensprobleme, sind häufiger depressiv, aber auch aggressiv, feindselig und launenhaft; sie sind auch gefährdeter darin, Schul(leistungs-)probleme zu entwickeln. In der Adoleszenz ist diese Bindungsdesorganisation ein wichtiger Risikofaktor für psychiatrische Probleme wie aggressive und dissoziative Störungen oder Borderline-Störungen.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Qualität der frühkindlichen Beziehungserfahrungen die Grundlage für die psychische Sicherheit im Erwachsenenalter legt. Dabei sind die Erfahrungen in der Beziehung zur Mutter und in der Beziehung zum Vater von Bedeutung.
III. Die Bedeutung beider Elternteile für die kindliche Entwicklung
In den meisten Kulturen beteiligen sich Väter sehr wenig an der direkten Fürsorge ihrer kleinen Kinder; auch in deutschen Familien ist das mütterliche Engagement zeitlich deutlich umfangreicher als das väterliche8. Trotz anfänglich wenig aktiver Pflege wird der Vater doch meist zu einer wichtigen Bindungsperson des Kindes9, wobei die Mutter in unserer Kultur doch überwiegend die Hauptbezugsperson bleibt.
Die Bindung zum Vater und die Bindung zur Mutter sind zwei unterschiedliche Bindungsbeziehungen innerhalb der Familie. Die Qualität der Bindungsbeziehung zu Vater und Mutter ist unabhängig voneinander; optimalerweise ergänzen sich Eltern in ihren Rollen und Aufgaben für die Entwicklung des Kindes. Im Rahmen der Bindungstheorie ist die Mutter gekennzeichnet als zuverlässige und feinfühlige Sicherheitsbasis, die dem Kind Schutz gibt vor ängstigenden und bedrohlichen Ereignissen. Der Vater hingegen begleitet als vertrauter, starker und weiser Gefährte das Kind bei seinen Erkundungen und ermutigt und unterstützt es. Er ist ein interessanter Interaktionspartner, der aufregende Dinge mit dem Kind macht; er fordert es heraus, Neues zu tun, das es sich ohne seine Hilfe nicht zutrauen würde; er vermittelt Bereiche der Umwelt, die gefährlich sein können; er vermittelt als Lehrer und Mentor eigenes Können und Wissen.
Die tatsächliche Bedeutung des Vaters für das jeweilige Kind hängt mehr von der Qualität seines Engagements und der Qualität der Interaktionen ab als von der Dauer des Zusammenseins mit dem Kind.
Einflüsse der Qualität des väterlichen Umgangs mit dem Kind wurden in der Bindungsforschung über lange Zeiträume nachgewiesen. Die beobachtete Feinfühligkeit des Vaters im Spiel mit seinem Zweijährigen hatte klare und eindeutige Zusammenhänge mit der Bindungsrepräsentation des Kindes zumindest bis ins junge Erwachsenenalter10.
IV. Bindung und Scheidung
Eine Trennung und Scheidung der Eltern stellt eine Umbruchsituation für alle Familienmitglieder dar11. Geschiedene bezeichnen sich als weniger glücklich als Verheiratete, berichten über mehr psychische Belastungen, haben ein schlechteres Selbstkonzept und leiden unter größeren Gesundheitsproblemen12. Geschiedene Mütter erachten ihr Leben als weniger sinnvoll und sind besorgter und ängstlicher13. In der Zeit der Trennung wird das Bindungssystem des Erwachsenen aktiviert. Das Fürsorgeverhalten für das Kind kann darunter leiden, ja sogar desorganisiert werden. Konflikte zwischen den Partnern können dazu führen, dass ein Elternteil seine oder ihre Fähigkeit, das Kind zu schützen, in Frage stellt. Das Gefühl, dass der (Ex-)Partner das Kind wegnehmen will, kann Quelle eines gesteigerten Bedürfnisses nach Nähe und Kontakt zum Kind sein14. Manchmal wird das Kind in die Rolle gedrängt, als Ersatz für den verlorenen Partner, Bindungsperson für den verbleibenden Elternteil zu sein.
Zu einer Zeit, in der das Kind vermehrt Sicherheit und Unterstützung benötigt, ist es mit Bedingungen konfrontiert, die ihrerseits das Risiko von Bindungsstörungen bei Kindern erhöhen. So ist es nicht verwunderlich, dass Scheidungskinder in vielen Untersuchungen in Bereichen wie Schulleistung, Verhaltensproblemen, psychische und soziale Anpassung, Selbst-Konzept und Eltern-Kind-Beziehung schlechter abschnitten als Kinder, die bei beiden leiblichen Eltern lebten. Die ersten beiden Jahre nach der Scheidung sind besonders problematisch, danach zeigen sich Verbesserungen im Befinden und Verhalten der Kinder.
Scheidung und Trennung bedrohen die sichere Basis, die Kinder brauchen, und verunsichern sie. Zusammenhänge zwischen Eheproblemen und Bindungssicherheit der Kinder lassen sich aber schon vor einer Scheidung beobachten: Unzufriedenheit in der Ehe zeigte sich gehäuft bei unsicheren Bindungen zur Mutter und in schlechter Beziehung des Vaters zum Säugling15.
Die Schutzfunktion sicherer Bindungen zeigt sich im Vorschulalter: Sicher gebundene männliche Kinder zeigen bei vergleichbaren Häufungen negativer Erfahrungen (z.B. Scheidung der Eltern) als Sechsjährige weniger Verhaltensauffälligkeiten als unsicher gebundene Kinder mit ähnlichen Erfahrungen16.
Die Scheidung der Eltern beeinflusst langfristig die Bindungsrepräsentation von Jugendlichen und beeinträchtigt die psychische Sicherheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. So sind junge Erwachsene aus Scheidungsfamilien häufiger ängstlich gebunden17.
Besonders im Jugendalter beeinträchtigt die Scheidung der Eltern das innere Bild und den Wert von Bindungen. In der Bielefeld-Untersuchung der Bindungsforscher Klaus Grossmann und Karin Grossmann fanden sich keine Jugendlichen, die als Sechzehnjährige über eine sicher-autonome Bindungsrepräsentation verfügten, wenn sie eine Scheidung der Eltern erlebt hatten. Auffällig war der hohe Anteil an unsicher-distanziert-verwickelten Klassifikationen. Die Jugendlichen drückten viel Ärger und Frustration aus und entwerteten die früheren Bindungserfahrungen. Die Trennung der Eltern hat eine destabilisierende Wirkung auf die Entwicklung der psychischen Sicherheit und katapultiert die Jugendlichen in verfrühte Unabhängigkeit18. So ist es nicht verwunderlich, dass Scheidungskinder ein (leicht) erhöhtes Risiko tragen, selber wieder geschieden zu werden.
Unzner: Bindungstheorie und Wechselmodell FPR 2006 Heft 7 277 Vorheriger Seitenumbruch
Nächster Seitenumbruch
V. Bindung und Betreuungsmodus
Es entspricht dem Wohl des Kindes, wenn die Bindungen des Kindes aufrechterhalten werden und Kontakt zu beiden Elternteilen bestehen bleibt. In der Regel lebt der Vater außerhalb der Familie; der Kontakt zu ihm scheint nach neueren Studien im Allgemeinen eher positive Auswirkungen auf das Kind zu haben19. Sehr seltener Kontakt zum Vater verunsichert die Beziehung zum Vater20; nach Schätzungen haben nur 60% der Kinder Kontakt zu ihrem Vater21. Wenn nun dieser Kontakt wichtig ist, wie kann er gefördert werden? Ist das Wechselmodell der richtige Weg?
Entscheiden sich Eltern für das Modell der gemeinsamen Sorge, so muss aus der Vielzahl denkbarer Arrangements dasjenige ausgewählt werden, das am besten der Situation und dem Alter der Kinder entspricht. So können die Kinder in unterschiedlichen Modi (wöchentlich, monatlich etc.) zwischen den beiden Wohnungen ihrer Eltern wechseln oder - sehr selten - die Kinder bleiben in der Familienwohnung, und die Eltern wechseln nach einem bestimmten Zeitplan. Ältere Kinder können auch entscheiden, in welcher Wohnung sie die nächsten Tage verbringen wollen.
Aus Sicht des Kindes ist es am besten, wenn sich im Alltag so wenig wie möglich verändert. Dies betrifft sowohl materielle (z.B. Spielzeug), psychologische (z.B. Rituale) wie soziale (Kindergarten, Schule, Freunde) Belange. Die Art der Betreuung durch Mutter und Vater sollte verlässlich und so weit wie möglich auf die dem Alter entsprechenden Bedürfnisse und Aktivitäten der Kinder abgestimmt sein. Die Eltern sollten für ihre Kinder eine Lebensform finden, die sozial, zeitlich und örtlich möglichst große Stabilität gewährleistet.
Welche Form für das Kind die richtige ist, ist abhängig u.a. vom Temperament des Kindes und seiner Fähigkeit, Veränderungen zu verkraften, von der Art und Weise, wie die Erziehungsaufgaben während der Zeit des Zusammenlebens verteilt waren, besonders aber vom Alter und dem Entwicklungsstand des Kindes.
Säuglinge im ersten Lebensjahr brauchen eine möglichst konstante Versorgung und Zuwendung sowie ein eindeutiges Zuhause. Zwei- und dreijährige Kinder sind besonders trennungsempfindlich; sie brauchen klar überschaubare Tagesabläufe und feste Rituale. Das Kind sollte nach Möglichkeit häufig besucht werden; die Dauer kann mit dem Alter des Kindes immer mehr ausgedehnt werden. Übernachtungen sind nur in Ausnahmefällen sinnvoll, z.B. wenn das Kind mit dem Elternteil zusammengelebt hat und dessen Haushalt gut kennt.
In einer bisher einzigartigen Studie wurde die Bindungsorganisation zu Vater und Mutter im zweiten und dritten Lebensjahr untersucht. Es wurden Kinder verglichen, a) deren Eltern zusammenlebten, b) mit Kindern von getrennt lebenden Eltern, wobei das Kind im Haushalt der Mutter betreut wurde und regelmäßig vom Vater besucht wurde, oder c) regelmäßig beim Vater übernachtete22. Kinder, die beim Vater übernachteten, hatten weniger häufig sichere Bindungen, dafür weit häufiger desorganisierte-desorientierte Bindungen zur Mutter als Kinder, die nur Besuche vom Vater hatten. Die Bindungsqualität zum Vater war nicht vom Übernachtungsmodus beeinflusst; die Kinder zeigten aber signifikant mehr desorganisierte-desorientierte Bindungen in Trennungsfamilien als in Familien, die zusammenlebten. Die desorganisierten-desorientierten Bindungen zur Mutter in der Übernachtungsgruppe hingen auch mit mangelnder elterlicher Kommunikation und deutlichen Paarkonflikten zusammen. Die wiederholten Trennungen und Wechsel der Betreuungsperson bedeuten für das Kind stressvolle Erfahrungen. Sie führen zu einer Zerrüttung der Beziehung zur Hauptbezugsperson, wenn beide Eltern das Kind nur begrenzt und nicht ausreichend emotional unterstützen (können).
Kinder im vierten und fünften Lebensjahr können schon besser mit Trennungen umgehen; Übernachtungen im jeweils anderen Haushalt, auch kürzere Ferienaufenthalte, sind möglich und sinnvoll, wenn das Kind Bindungen entwickelt hat oder diese weiter bestehen23. Andere Autoren empfehlen Übernachtungen erst ab fünf, besser erst mit sechs oder sieben Jahren24.
Ab dem Schulalter suchen die Kinder aktiv nach neuen Formen der Familienidentität, die beide Elternteile einschließt. Der Aufenthalt des Kindes sollte unter Einbeziehung der Wünsche des Kindes und in Abstimmung mit sonstigen Aktivitäten geregelt werden. Vereinbarungen über den Lebensort sollten über einen bestimmten überschaubaren Zeitraum verbindlich sein. Zu häufiger Wechsel von einem Elternteil zum anderen ist nicht förderlich. Kinder, die zweimal pro Woche wechselten, hatten häufiger soziale und Verhaltensstörungen als Kinder, die nur einmal wechselten; Letztere wiederum hatten keine häufigeren Störungen als Kinder, die fest bei einem Elternteil wohnten25.
Grundsätzlich sollten folgende Bedingungen erfüllt sein, damit ein Kind flexibel zwischen den Haushalten wechseln kann: Das Kind hat sichere Bindungen zu beiden Elternteilen; das Kind wird durch bekannte und gewohnte Routinen unterstützt; die Eltern kommunizieren verlässlich über die kindliche Versorgung und tragen keine Konflikte vor dem Kind aus; die Eltern unterstützen sich gegenseitig in der Elternschaft, respektieren Regeln und Gewohnheiten des anderen und unterstützen das Kind, zum jeweils anderen eine positive Beziehung zu haben; die Eltern helfen dem Kind beim Übergang von einem Elternteil zum anderen, so dass es ohne Schuldgefühle wechseln kann. Diese Voraussetzungen erfüllen nicht allzu viele geschiedene Paare, nach einer amerikanischen Studie findet man bei ca. 30% der Paare eine kooperative Beziehung, die auf gemeinsame E