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WUPPERTAL AKTUELL
Mädchen getötet: Pflegemutter (38) schweigt zu schweren Vorwürfen
Warum musste ein angeblich wohlbehütetes Kind sterben? Der Fall wirft jede Menge Fragen auf.
Im Garten des Wohnhauses steht ein Klettergerüst für Kinder. Die beiden Stiefgeschwister des getöteten Mädchens leben derzeit nicht mehr im Haus.
Tatort Heckinghausen: Kripobeamte beschlagnahmten unter anderem die Computer der Eltern. (Fotos: Wolfgang Westerholz)
Wuppertal. Das bunte Klettergerüst steht einsam auf dem regendurchnässten Rasen. Ein Fußball liegt vergessen am Zaun. In diesem Garten hat auch ein kleines Mädchen mit seinen beiden Stiefgeschwistern und dem Familienhund „Scooter“ gespielt.
Die Kleine wurde nur fünf Jahre alt. Das Mädchen ist tot. Seine Pflegemutter stand gestern zwei Stunden vor dem Haftrichter. Der Vorwurf: Totschlag. Die 38-Jährige schwieg dazu. Um 15 Uhr musste sie den Gang in die Untersuchungshaft antreten.
Die Familie erfüllte alle Anforderungen der Stadt
Hoch sind die Anforderungen an Eltern, die ein Pflegekind betreuen wollen. Eine drei- bis sechsmonatige Prüfungszeit gilt es zu bestehen – in engem Kontakt zum Jugendamt. Natürlich müssen die Kandidaten ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Das alles konnte die Familie G. aus Heckinghausen vorweisen, inklusive einer schönen Wohnung, samt Garten und Haustier.
Doch am frühen Dienstagabend rief die Pflegemutter den Notarzt. „Kind in Wanne“ hieß es zunächst. Wenig später standen drei Rettungswagen samt des extra alarmierten Kindernotzarztwagens vor dem Haus. Offenbar war es da schon zu spät. Auf der Fahrt in die Helios-Kinderklinik in Barmen versuchte der Notarzt alles. Vergeblich. Das Mädchen starb im Krankenhaus.
Der Notarzt erkennt sofort: Das Kind wurde misshandelt
Man kann sich kaum vorstellen, was in den beteiligten Rettern vorging: Denn schon in der Wohnung hat es offenbar deutliche Anzeichen für die körperliche Misshandlung des Mädchens gegeben. Der Körper sei von Hämatomen gezeichnet gewesen. Und: Seit dem Einsatz am Dienstagabend wird in Retterkreisen über den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gesprochen. Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt: „Wir ermitteln in alle Richtungen.“
Mehrfach vor dem traurigen Dienstag hat es bei der Pflegefamilie G. bereits Arztbesuche gegeben. Die müssen grundsätzlich dem Jugendamt gemeldet werden. Mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft schweigt die Stadt dazu.
Und die Familie? Sie soll seit etwa vier Jahren in dem Haus an der Kleestraße wohnen. „Die waren ganz unauffällig, grüßten und das war’s.“ Das ist einer der Standardsätze aus der Nachbarschaft.
Außer der Fünfjährigen gibt es noch zwei weitere Kinder: einen neun Jahre alten Stiefbruder, den die Frau mit in die Ehe gebracht haben soll. Und ein kleines Mädchen, etwas älter als ein Jahr. Sie soll das leibliche Kind von den beiden Erwachsenen sein.
Dazwischen das fünfjährige Pflegekind. Der Pflegevater – er arbeitet als Fahrer, kam oft spät von der Arbeit nach Hause – soll die Kleine regelmäßig zum Kindergarten gebracht haben. Eine bunt zusammengewürfelte Familie. Neudeutsch nennt man so etwas wohlwollend „Patchwork-Familie“.
Jeden Sonntag in die Kirche – „wie verkleidet“
Die G.s sollen gläubige Mormonen sein. Jeden Sonntag ging die komplette Familie fein ausstaffiert mit Anzug beziehungsweise Kleid in die Kirche – „wie verkleidet“, heißt es in der Nachbarschaft. Von Verwahrlosung oder Misshandlung der Kinder keine Spur.
Es gibt auch andere Stimmen. Die Mutter habe viel mit den Kindern geschrien, oft am frühen Morgen, sagen Nachbarn. Und ihr Sohn habe zuweilen aggressiv gewirkt. Klar, nach einer solchen Tat und einem solchen Vorwurf scheint jede Alltäglichkeit ein Indiz gegen die Familie zu sein.
Mordkommission überprüft die Computer der Eltern
Fakt ist: Am Gründonnerstag nahm die Mordkommission die Wohnung an der Kleestraße erneut unter die Lupe. Die Computer der Eltern wurden in gelbe Tüten verpackt und abtransportiert. Staatsanwalt Kaune-Gebhardt: „Wir arbeiten mit Hochdruck an dem Fall.“ Dazu gehöre auch, dass die Computer aus der Wohnung überprüft werden.
An der Tür der Familie klebt der Zettel eines Paketversandes, der vergeblich geklingelt hatte. Die einst fünfköpfige Familie ist nicht zu Hause. Wie es für die vier Verbliebenen weitergeht, ist offen. Die Kinder sind seit Beginn der Ermittlungen „familienintern“ untergebracht.
Kommentar
Ein fünf Jahre altes Kind ist tot, dringend verdächtigt wird die Pflegemutter. Das ist eine unfassbare Tragödie, die es eigentlich nicht geben darf.
Wie kann so etwas geschehen? Hätte der Tod dieses kleinen Menschen verhindert werden können? Das sind die Fragen, die sich die Wuppertaler stellen, und diese Fragen müssen beantwortet werden.
Es geht nicht um vorschnelle Schuldzuweisungen, nicht um Erklärungsreflexe. Es geht darum, alles zu tun, um Kindern ein solches Schicksal zu ersparen. Allein aus diesem Grund muss Sozialdezernent Stefan Kühn beantworten, wie es geschehen konnte, dass trotz der Kontrollen das Kind getötet werden konnte.
Angeblich überwacht das Jugendamt Pflegefamilien sehr gründlich. Hat es in dem Fall des toten Mädchens trotzdem Fehler gegeben? Zu dieser Frage muss der Sozialdezernent eindeutig Stellung beziehen.
22.03.2008
Von Julia Perkowski und Andreas Spiegelhauer