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BUNTES NRW
Wuppertal: Rätsel um totes Pflegekind
Das Jugendamt soll von „Auffälligkeiten“ gewusst haben. Die 38-jährige Pflegemutter sitzt in U-Haft.
In diesem Haus hat das Kind seit Herbst 2007 gelebt. (Foto: Andreas Fischer)
Wuppertal. Der Tod eines fünfjährigen Pflegekindes in Wuppertal, das offenbar misshandelt wurde, wirft Fragen auf. Das Mädchen lebte seit Herbst 2007 mit der 38-jährigen Pflegemutter, deren Ehemann (41) und zwei weiteren Kindern (1 und 9) unter einem Dach.
Nach Informationen unserer Zeitung wurden dem Jugendamt wiederholt „Auffälligkeiten“ gemeldet. Doch die Behörde sah keinen Grund, das Kind aus der Familie zu nehmen.
Es gab mehrfach Besuche des Jugendamtes
Wie es hieß, wurde das Kind „in Augenschein“ genommen. Außerdem habe es angekündigte und unangekündigte Hausbesuche des Jugendamtes gegeben. Unter anderem sollen dabei Arztbesuche, etwa zu Vorsorgeuntersuchungen, angemahnt worden sein. Diese Termine hat die Mutter offenbar auch nachweisen können.
Zwei Stunden dauerte gestern Nachmittag der Termin vor dem Haftrichter, dann musste die Pflegemutter den Gang in die Untersuchungshaft antreten. Der Vorwurf: Totschlag. Bislang ist unklar, wie das Mädchen starb.
Die Pflegemutter selbst soll den Notarzt alarmiert haben, fuhr dann mit in die Kinderklinik, wo die Fünfjährige starb. Bei der Obduktion wurde äußere Gewalteinwirkung festgestellt. Die genaue Todesursache wird aber noch unter Verschluss gehalten.
Die 38-jährige Wuppertalerin hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert, auch nicht bei dem zweistündigen Haftrichter-Termin. Es gibt kein Geständnis.
Der Pflegevater (41) steht nicht unter Tatverdacht
Der Pflegevater steht laut Staatsanwaltschaft bislang nicht unter Tatverdacht. Er sei jederzeit für die Ermittler erreichbar, hieß es gestern. Die beiden Stiefgeschwister des toten Mädchens wohnen seit Beginn der Ermittlungen nicht mehr in der elterlichen Wohnung, sind nun „familienintern“ untergebracht.
Spekulationen über sexuellen Missbrauch als Hintergrund für die Tat kommentierte die Staatsanwaltschaft gestern mit den Worten: „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Bei der Wohnungsdurchsuchung am Gründonnerstag wurden unter anderem die Computer der Eltern beschlagnahmt.
Pflegeeltern
Geeignet Die Anforderungen an Eltern, die ein Pflegekind betreuen wollen, sind hoch. Eine drei- bis sechsmonatige Prüfungszeit gilt es zu bestehen – in engem Kontakt zum Jugendamt. Die Kandidaten müssen unter anderem ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. In Wuppertal leben derzeit 350 Kinder bei Pflegeltern.
Alarmzeichen – und dann geschieht nichts
Wieder einmal wühlt uns das Martyrium eines zu Tode gequälten Kindes auf. Diesmal hat sich die Tragödie in Wuppertal zugetragen, sozusagen in der Nachbarschaft, und nicht in einiger Entfernung, wie beim zweijährigen Kevin aus Bremen oder bei der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin.
Diesmal legte auch das Milieu einer anscheinend soliden Familie zunächst keinen Verdacht nahe, dass für die Fünfjährigen die größte Gefahr für Leib und Leben ausgerechnet von den Menschen ausging, denen sie zur Pflege anvertraut war.
Wie kann es so weit kommen, dass alle Hilfssysteme ein Kind seinem Schicksal überlassen – hilflos in einem intakten Wohnquartier, in einem zivilisierten Land, in dem Ärzte Auffälligkeiten umgehend melden müssen und Pflegefamilien unter behördlicher Aufsicht stehen?
Das beste Kontrollsystem kann nicht funktionieren, wenn Alarmzeichen nicht unverzüglich weitergeleitet werden. Und wenn Empfänger der Meldung, deren Profession das ist, nicht umgehend helfend eingreifen.
So beklagenswert die personelle Ausstattung in Gesundheits-, Sozial- oder Jugendämtern sein mag – die allererste Aufgabe lautet nicht klagen, sondern zupacken, Hilfe organisieren, Verbündete finden. Das können Kollegen sein, Vorgesetzte, Nachbarn, politische Mandatsträger, Geistliche – Hauptsache, niemand bleibt allein in seiner Not.
In Deutschland leben nach Expertenschätzungen 35 000 Kinder in unzumutbaren Verhältnissen. Sie leiden Hunger und Durst, werden geprügelt oder weggesperrt. Jede Woche sterben drei Kinder an den Folgen von Misshandlung – in diesem reichen Sozialstaat, in dem unterlassene Hilfeleistung unter Strafe steht.
Und es sind nicht nur Kinder, für deren Wohlergehen Ämter und staatlich alimentierte Hilfsorganisationen Verantwortung tragen – auch Alte und Verwirrte leiden oft lautlos wie vernachlässigte Kinder.
In Wuppertal wird konkret zu klären sein, warum ein fünfjähriges Mädchen sterben musste, obwohl erkennbar war, dass es fortgesetzt misshandelt wurde. Aber keine Kommune darf sich in falscher Sicherheit wiegen; jede sollte rechtzeitig überprüfen und regeln, wie sie für sich solche Tragödien ausschließen kann. Bevor es zum Äußersten kommt, wie jetzt, vor unserer Haustür.
22.03.2008
Von Andreas Spiegelhauer
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Unser Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können
[editiert: 25.03.08, 18:59 von Schumacher]