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Spielfilm
Verwahrloste Kinder als Fernsehunterhaltung
Im ARD-Film "Der große Tom" wird die reale Geschichte von vier Berliner Kindern erzählt, die von ihren Versorgern im Stich gelassen wurden. Die Thematik wurde jedoch aus dem "Hartz-IV-Milieu" in die "Mitte der Gesellschaft" transportiert. Auf die Mitwirkung eines bekannten Protagonisten ist allerdings verzichtet worden.
Foto: HR/Pressestelle
In dem Spielfilm "Der große Tom" werden die Geschwister Tom (Wolf Niklas-Schykowski), Sophie (Elisa Schlott li.) und Fanny (Lotte Becker) von ihrer Mutter im Stich gelassen
Es gab zuletzt viele Berichte über Kinder, die von ihren Eltern im Stich gelassen worden waren. Einer der bedrückendsten stammt aus dem vergangenen Frühjahr: Ein zwölfjähriger Berliner Junge und seine drei jüngeren Geschwister hatten fast ein Jahr lang für sich selbst sorgen müssen. Sie seien, so hieß es, „hochkompetent“ darin gewesen, sich ein „eigenes Familiensystem aufzubauen, so dass niemand etwas bemerkt“.
Ihre allein erziehende Mutter war zu ihrem neuen Freund gezogen und schneite nur gelegentlich kurz herein, um Lebensmittel und Geld abzuwerfen. Schließlich gestand der Älteste dem Jugendamt, dass er es nicht mehr aushalte – die Verantwortung, den Stress, den Dreck. Die Frau soll im Verhör eher gelassen gewirkt haben, während sich die Kinder vor den Polizisten sogar für die hoffnungslos vermüllte Wohnung schämten.
Filmemacher Niki Stein („Die Konferenz“, „Der Mann im Strom“, „Die Todesautomatik“) sagt, eine größere Heldentat als die des Jungen, der sich Tag für Tag für seine Geschwister aufopferte, sei für ihn kaum vorstellbar. Um dieser Leistung ein Denkmal zu setzen, habe er seinen neuen Film geschrieben. Das Thema scheint ihm und dem Hessischen Rundfunk tatsächlich unter den Nägeln gebrannt zu haben, denn heute – gerade mal zehn Monate nach der ersten Zeitungsmeldung – läuft „Der große Tom“ im Ersten. Es ist ein so großartiger wie beklemmender Familienfilm in Abwesenheit einer Familie.
In der Mitte der Gesellschaft
Die Wohnungstür der Bergers ist mit kunterbunten Abdrücken von kleinen Händen verziert. Das wirkt – fast ironisch – wie Zeugnis oder Versprechen einer unbeschwerten Kindheit. Exakt so sah auch die Tür bei dem tatsächlichen Fall in Berlin aus. Aber Niki Stein hat sich nicht an einem Doku-Drama probiert. Vielmehr emanzipiert sich sein Stoff in wesentlichen Punkten vom tatsächlichen Geschehen.
Erstens transportiert Stein die Geschichte aus dem Klischee-anfälligen Hartz-IV-Milieu, in dem sie sich abspielte, in die „Mitte der Gesellschaft“. Er tut dies jedoch, ohne die Existenzkämpfe vieler Eltern zu leugnen. Nebenbei dekonstruiert er das gängige Bild von der Rabenmutter als gewissenlosem Monster: Barbara Berger (überzeugend gratwandernd: Aglaia Szyszkowitz) hat lange genug in schlechten Jobs gearbeitet, um ihre neue Liebe als vielleicht letzte Lebenschance zu begreifen. Der reiche Anwalt Dr. Wehrhahn (Herbert Knaup) bietet ihr nicht nur ein Bett, sondern auch gut bezahlte Arbeit in seiner Kanzlei. Er hat Kinder. Aber Barbara wagt nicht, ihm von ihrem Trio zu erzählen. Sie fürchtet, er könnte sich deshalb von ihr trennen.
Also taucht sie nur für Minuten zuhause auf, legt Geld oder einen Zettel hin. Sie ist keine stumpfe, kalte Frau. Sie will mit dieser Beziehung wohl auch die Zukunft ihrer Kinder sichern. Aber irgendwie verwechselt sie die Prioritäten. Ihre Zerrissenheit wirkt so absurd wie krank und ist doch zumindest ansatzweise nachvollziehbar.
Der Traum von einer intakten Familie
Zweitens kapriziert sich der Film glücklicherweise nicht auf schimmliges Brot und ein verdrecktes Klo. Vielmehr zeigte er ohne Rührseligkeiten, mit welcher stummen Selbstverständlichkeit der „große“ Tom (unerhört glaubwürdig: Wolf-Niklas Schykowski) versucht, in eigentlich elterliche Routinen hineinzuwachsen, egal, ob er nun die auslaufende Waschmaschine bändigt, seine kleine Schwester Fanny (Lotte Becker) jeden Morgen zur Schule bringt oder der schon pubertierenden Sophie (Elisa Schlott) nahe legt, ihre Musik leiser zu stellen.
Foto: HR/Pressestelle
Wie das Vorbild aus Berlin: Tom kümmert sich allein um seine Geschwister
Tom könnte Außenstehende um Hilfe bitten. Aber der Teenager führt diesen heroischen Kampf weiter, um sich die Hoffnung zu erhalten, dass seine Mutter zurückkehren könnte. Die Kinder hungern nicht physisch, sondern nach Zuwendung. Sie verheimlichen ihre Situation, um sich wenigstens den Traum von einer intakten Familie zu bewahren.
In der erschütterndsten Szene nimmt Barbara sich mal einen ganzen Nachmittag Zeit für ihre Kinder. Sie geht mit ihnen auf den Rummel. Hinterher essen sie alle zusammen Abendbrot. Alles ist, wie es sein sollte. Das sieht man auch in den Gesichtern der Geschwister. Doch dann steht Barbara einfach auf und geht wieder fort zu diesem fremden Mann. Die Kinder brechen zusammen. Dennoch wollen sie ihre Mutter weiter nicht verraten. Brutaler geht es nicht. Psychologen sagen: Genau so ist es im richtigen Leben.
Drittens – und auch das ist erfreulich – verzichtet Niki Stein auf die Mitwirkung eines Protagonisten, der bei solchen Gelegenheiten gern als wohlfeiler Universalverantwortlicher angeboten wird: die böse, ignorante „Gesellschaft“, die partout weggucken will und ohne die das ganze Elend bestimmt nicht geschehen wäre. Nein, hier gibt es durchaus Lehrer, Amtsmitarbeiter und Nachbarn, die Fragen stellen und sich zu kümmern versuchen. Doch auch sie haben letztlich keine Chance, diese Geschichte zu dem Ende zu bringen, das diese und alle anderen Kinder verdient hätten.
P.S.: Der Vorgang ist weder neu, noch Deutschland-spezifisch. Der japanische Kinofilm „Nobody knows“ – vor vier Jahren in Cannes – erzählt nach einem realen Fall genau die gleiche Geschichte.
"Der große Tom" läuft am 27. Februar um 20.15 Uhr in der ARD.
http://www.welt.de/fernsehen/article1729761/Verwahrloste_Kinder_als_Fernsehunterhaltung.html