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Der Wurm
Der Wurm wusste nicht mehr, wie und warum er in der Erde des Schweinestalls kam.
Er war einfach da und seine Erinnerung reichte leider nicht mehr, um sich an die Zeit "davor" oder seine Jugend zu erinnern. Sein Leben bestand aus einem Umgraben der Erde, was er gerne machte- es erfüllte ihn mit einem Gefühl, etwas tun zu können.
Genau genommen konnte der Wurm auch nichts anderes und er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben, etwas anderes gemacht zu haben.
Er war mit den kleinen Lebewesen der Erde gut befreundet und es machte ihm sichtlich Spass, etwas gutes zu tun. Die kleinen Bakterien mochten ihn, gab er ihnen doch Leben.
Eins störte den Wurm jedoch- jedes Nest, jeder Weg, den er neu gegraben hat, wurde spätestens beim nächsten Sonnenaufgang von den Schweinen zerstört.
Der Wurm versuchte daraufhin seine neue Bleibe am Rand des Stalls aufzubauen.
Er verbrachte die Nacht damit, sich eine neue Behausung an der Wand zu graben und hoffte, dass die Schweine diese nicht entdecken können.
Als die Schweine am nächsten Morgen merkten, dass die Erde nicht so locker war, durchwühlten sie andere Bereiche des Stalls. Sie kamen am Nachmittag zum Wurm und zerstörten auch dort sein tolles Tunnelsystem, welches sich der Wurm mühevoll aufgebaut hatte. Der Wurm war traurig. Er nahm seinen Mut zusammen und kroch zu den Schweinen.
Sie beachteten ihn nicht und so fasste er alle seine Kräfte, stellte sich auf und schrie so laut er konnte: "Ihr Schweine- warum zerstört ihr alles, was .." er konnte diesen Satz nicht beenden, da ein Schwein ihn mit seinem Gewicht im Boden vergrub.
Der Wurm entschloss sich zu fliehen- er wusste aber nicht wohin er fliehen sollte. So suchte er auf dem Hof immer wieder neue Ecken auf, wo er ungestört seine Behausung bilden konnte. Jeden Morgen waren diese auch zerstört und nach jedem Versuch, den Schweinen zu sagen, dass er gerne den Boden auflockert, sie ihm aber auch einen Freiraum lassen sollen, in den er sich zurückziehen kann, schlug fehl. Der Wurm wurde immer mehr müde und müde. Den letzten Mut zusammennehmend richtete er sich auf, als der große Herr erschien, der die Schweine fütterte. Als er seinen Satz zu sagen versuchte, wurde er von einem großen stinkenden Haufen eines Schweins begraben. Der Wurm fing an zu weinen und zog sich zurück. Er wünschte sich nichts mehr, als einen schnellen Tod zu finden, um von diesem Leben erlöst zu werden. Niemand hörte ihm zu und beachtete ihn- gleichzeitig wusste der Wurm, dass er in dieser Gemeinschaft eine große Rolle spielte. Warum beachtete keiner sein Leben, wenn er doch für sie so wichtig war? Er verstand, dass Schweine keine Anerkennung empfinden können und empfand Mitleid mit den Schweinen.
Er beobachtete, dass die Vögel andere Lebensbewohner aus der Erde holten, mit ihnen in Richtung Sonne wegflogen und er wünschte sich, auch von ihnen mitgenommen zu werden.
Die Versuche, von den Schweinen von seinem Leid erlöst zu werden, schlugen täglich fehl. Sie trampelten auf ihm rum und vermochten nicht, sein Leben damit zu beenden.
Gleichzeitig waren es die Schweine, die die Vögel vertrieben und so konnte der Wurm nie die unbekannte Freiheit erlangen. Der Wurm dachte lange nach und plante sehr sorgfältig, wie er, ohne auf die Hilfe und Mitarbeit der Schweine angewiesen zu sein, flüchten konnte.
Eines Abends, nachdem die Schweine weg waren, grub der Wurm nur eine Hälfte des Bodens im Gehege durch. Er gab sich die größte Mühe, denn er wusste: dieser Plan ist seine letzte Hoffnung in die gewünschte Freiheit. Der Boden war locker, der Regen hielt die Erde nass und das mochten die Schweine. Die andere Hälfte war trocken und hart. Die Erde war nicht durch Nässe für die Schweinenasen angenehm- das hat er in den vergangenen Jahren bereits erfahren. Er beendete die Arbeit auf der Hälfte, die er für die Schweine hergerichtet hat und begab sich mit letzter Kraft auf die andere Seite des Geheges, wo er in aller Ruhe auf den ersten Sonnenschein wartete.
Als die Schweine am Morgen kamen, schaute der Wurm ihnen zu, wie sie seine Arbeit zerstörten. Es machte dem Wurm nichts aus- er freute sich für die Schweine, dass sie so einen Spass daran hatten. Die Schweine konnten nicht anders – es war ihr Wesen, welches sie dazu zwang seine Arbeit nicht zu sehen, es war für sie normal- warum sollten sie auch nur ansatzweise seinen Unmut und Schmerz verstehen?
Der Wurm schaute in den Himmel und wartete auf einen Vogel- er wünschte, er hätte Arme, mit denen er die Vögel zu sich rufen kann.
Nach kurzer Zeit landete ein Rabe neben dem Wurm. Er sah, wie der Wurm ihn anlächelte , begrüßte und so fragte der Rabe ihn, woher er diese Freude nehmen würde.
Der Wurm antwortete: Ich habe sehr lange versucht, bei den Schweinen meine Würde zu finden und gebe die Hoffnung auf. In der Sonne, wo du mich hin in deinem Maul führen wirst, werde ich sie sicherlich finden.
Der Rabe staunte: Ich kann Dir diese nicht anbieten- wenn ich dich mitnehme, so findest du den Tod und keine Anerkennung.
Nein, sagte der Wurm, du irrst, schloss die Augen und empfing das, wonach er die letzten Jahre so voller Sehnsucht gewartet hat.
Autor:
Sebastian K.
[editiert: 21.01.06, 22:30 von Andreas*]