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Ich veröffentliche Euch mal mein Ventil- etwas, was ich geschrieben habe an einem Montag.
Warum Montag? -Weil der Montag nicht in der Geschichte auftaucht. Sebastian K.
Eine kurze Woche
Donnerstag:
Wie ferngesteuert laufe ich durch die Erwachsenenwelt. Der Magen gibt seltsame Geräusche von sich und das Herz pocht wie verrückt. An Konzentration ist gar nicht zu denken - die Gedanken drehen sich nur um eins: wird es morgen klappen oder nicht?
Glücklich sind die Lottospieler - sie haben eine konstante Chance zu gewinnen. Unsere ändert sich permanent und ist von Faktoren abhängig, auf die wir keinen Einfluss haben.
Endlich Feierabend. Ich nehme mir vor, früh ins Bett zu gehen, um für Dich ausgeschlafen zu sein und bei der langen Fahrt nicht in den Sekundenschlaf zu fallen. Es klappt nicht. Wenn ich jetzt einschlafe, dann wache ich nicht rechtzeitig auf. Ich muss es auch ohne schaffen. Die Gedanken halten wach. Die Aufregung stützt die Gedanken.
Freitag:
Müde zwinge ich mich zur Arbeit. Zeitweise vergesse ich die Aufregung und die Sorgen und weiß gar nicht, was mich beschäftigt. Die Augen fallen zu. In der Dunkelheit fällt mir wieder ein, warum ich so müde bin und was mich so wurmt.
Das Herz fängt wieder an zu rasen, der Atem wird schneller und in der Magengrube macht sich das Gefühl breit, was ich aus der Kindheit vor dem Zahnarztbesuch kenne. Die Gedanken drehen sich nur um das eine: wird es klappen oder nicht?
Wie durch eine Zeitlupe schaue ich - sie rennen an mir vorbei. Der Sekundenzeiger quält sich, um einen Sprung zu machen. Es ist geschafft - ich fahre los und frage mich, ob es klappt oder eine Tür wieder das sein wird, was uns so nah und doch so fern werden lässt.
Die Stunden vergehen, das Lenkrad krampfhaft festhaltend frage ich mich, woher die anderen die Kraft dazu nehmen. Kurz vor dem Ziel bin ich
wieder wach, als ob ich gerade innerlich getankt hätte. Die Hände fangen an zu zittern. Wird es dieses mal klappen oder nicht?
Es hat dieses mal geklappt. Ein Feuerwerk aus Glück macht sich in uns bereit. Körperkontakt. Wärme. Du drückst mir die Luft ab mit deiner Umarmung. Wir fahren schnell wieder los. Du möchtest den Ort schnell verlassen und nach Hause. Die kommenden Stunden vermischen sich die Glücksgefühle mit der Müdigkeit. Ich könnte sofort einschlafen.
Die Sonne scheint, es ist warm und angenehm und Deine Erzählungen der letzten Wochen klingen wie wunderschöne Musik in meinen Ohren. Die Stunden vergehen schnell und Deine Energie, mir das alles zu erzählen schwindet nicht. Wir sind da. Legen uns ins Bett und Du bist noch nicht fertig. Hast mich so viel lieb, wie es alle Sandkörnchen und Wassertropfen in allen Meeren gibt. Wie alle Blätter aller Bäume auf der gaaanzen Welt und alle Sterne im Himmel sowieso. Die Zahl wie lieb Du mich hast gibt es noch gar nicht, weil sie noch nicht erfunden sei - aber Du bist sicher, dass es so unheimlich viel sein muss.
Du schläfst ein und ich fange dann an, Dir stundenlang alles zu erzählen, ohne ein Wort zu verlieren.
Samstag:
Du weckst mich mit weiteren Erzählungen und der tollen Planung für den heutigen Tag. Du weißt, dass kein Geld da ist und wir uns mehr auf "UNS"
beschränken müssen. Es sei aber nicht schlimm, weil wir ja auch aus nichts viel machen können. Geld ist nicht alles - Du weißt es noch, darfst es aber dort nicht mehr sagen, vergisst aber nicht zu erwähnen, dass Du es nie vergessen wirst.
Wir lassen Drachen steigen, spazieren durch den Wald und zwischendurch möchtest Du unbedingt getragen werden, weil Du mir die unheimliche Zahl noch einmal ins Ohr sagen möchtest: Dreiundachtundzigundtrillonenachtungzigtausend glaubst Du- das muss es sein, größer gibt es nichts.
Zwischendurch müssen wir wieder um die wette pinkeln. Du hast die Regeln geändert, dass der jenige verliert, der länger muss. Wir stehen nebeneinander, schauen in die Ferne. Die Sonne geht unter - der einzige Tag, den wir hatten geht zu Ende und wir wünschen, er würde nie aufhören. Du willst unbedingt die Sonne hinter den Bergen untergehen sehen und erzählst, dass wir unbedingt nach Australien reisen müssen, weil das ganz weit weg sei und uns niemand dort finden würde. Du sparst schon fleißig und hast schon Geld, um Dir ein Flugzeug zu kaufen. Würdest mit dem Flugzeugführerschein schon bald anfangen, um mit mir fliegen zu können.
Abends im Bett fragst Du, wie oft Du noch übernachten kannst – ich sage, dass es wieder das letzte mal ist. Du bist still und ich spüre, wie warme Tränen meinen Hals runter fließen.
In meinem Bauch macht sich dieses Monster breit, welches mir auf die Eingeweide drückt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Du erzählst mir furchtbare Geschichten, die ich nicht hören möchte. Du schläfst schluchzend ein und ich grüble mich nach langer Zeit in den Schlaf. In meinem Traum stehen sie alle um mich herum und ich schreie laut, ob sie denn nicht wissen, was sie uns im Namen anderer angetan haben? Sie scheinen mich nicht zu hören und schauen in ihre Papiere und gucken ab und zu hoch, als ob sie durch mich durchschauen würden und mir sagen wollten, dass sie meine Sprache nicht verstehen können. Ich schreie lauter und denke, dass ich mit den vergangenen Jahren immer lauter geschrieen habe. Die Jahre habe ich leider nicht verlernt zu träumen - und ich verachte sie. Wache auf und merke, dass alle meine Muskeln verkrampft sind - mein Gebiss tut weh und die Frau, die auf Deiner anderen Seite schläft und die Du nicht lieb haben darfst sagt mir, dass ich Geräusche von mir gegeben habe, als ob ich auf Sand gekaut hätte.
Du bist noch da, drehst dich um und trittst das Monster in meiner Magengrube mit dem Fuß, Deine kleine Hand legst du auf mein Gesicht und gibst einen Seufzer von Dir. Die Welt ist in Ordnung und die Sonne scheint. Ich schlafe und versuche den Traum zu verhindern und frage mich, wie es die anderen schaffen, das Monster im Bauch und Kopf zu besiegen.
Sonntag:
Wir stehen auf und Du bist der liebste Mensch der Welt. Hilfst, wo auch nur eine Möglichkeit für Dich besteht, einen Handgriff zu tun. Keine Widerrede, kein Meckern und kein Verziehen vom Gesicht, wenn nicht Dein Lieblingsessen auf dem Tisch steht. Nach dem Essen merkst Du schon, dass die Zeit gekommen ist. Du weckst das Monster mit der Frage, ob Du etwas falsch gemacht hast und deshalb zurück musst. Ich renne auf die Toilette und lasse das Monster meine Eingeweide zerdrücken. Du hast nichts falsch gemacht, sondern nur eine Frage gestellt, auf die das Monster so stark reagiert.
Im Auto kommen Wolken auf - es ist sehr düster und Du kommst auf die Idee, einen Roboter zu bauen. Aus Eisen muss er sein und rund. Auf keinen Fall eckig, denn dann würde man erkennen, dass es ein Roboter ist. Vielleicht auch aus Eisen und Stein, dann ist er besonders stark und er würde es schaffen und ich könnte den Roboter hinfahren und Du könntest bleiben.
Dein Roboter weckt das ruhende Monster wieder. Wir müssen eine Pause machen - ich muss auf eine Toilette - Du sollst nicht sehen, dass das Monster immer stärker wird. Wir müssen es besiegen - es soll und nicht die letzten Augenblicke versauen.
Wir kommen an. Du verschließt die Tür und krabbelst auf meinen Schoß. Ich spüre wieder warme Flüssigkeit an meinem Hals und mein Monster bewegt sich bis zu meinem Hals hoch, wo es meinen Kehlkopf drückt, so dass ich nichts sagen kann.
Du verkrampfst und lässt nicht los. Ich muss Dich wegdrücken. Du wehrst Dich und flüsterst mir zwei mal leise ins Ohr: HILF MIR!
Ich kann das Monster - bis Du das Auto verlassen hast - bändigen. Einen Augenblick später fahre ich den nächsten Parkplatz an und lasse es gewinnen. Es drückt auf alle Innereien gleichzeitig. Es drückt die Lungen zusammen, tobt und zerfetzt mein Herz in tausend kleine Stücke. Es regnet und donnert eine lange Zeit. Ich warte bis sich das Monster ausgetobt hat, schwach wird und mich wieder fahren lässt. Die Sonne scheint nicht mehr und mit zwischendurch aufkommenen Regenschauern fahre ich nach Hause.
Das Monster wird die kommende Zeit regelmäßig um die gleiche Zeit mich in der Nacht aufsuchen und seine Krallen zeigen. In Deiner Abwesenheit traut es sich jedoch, nur im Traum zu kommen und sich auszutoben.
Ich weiß, dass Du es gerne wiederholst und es immer in deinen Gedanken bleibt: ich bleibe immer in deinem Herzen und Du hast mich in einem Buch in Deinem Kopf, worin Du gerne blätterst und dessen Geschichten Du in einsamen Momenten liest, wie ich dies die kommenden Wochen auch tun werde, wenn ich nicht mit dem Monster kämpfen muss oder den anderen Trost spenden darf.
So lange Du Dich an mich erinnern wirst, werde ich nicht weit entfernt sein.
Ich liebe Dich
Dein Papa.
Autor:
Sebastian K.
[editiert: 20.01.06, 14:58 von Schumacher]