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Warum lebst du schrie der Mann...
co2-einheit,
30.08.06, 17:31
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Der Vater, der sich hier im Forum Kohlenstoffeinheit nennt, hat uns folgende Geschichte für unsere besinnliche Forenecke geschickt:
Es ist Spätnachmittag in einer fruchtbaren Oase und vom Meer her ist ein Wind aufgekommen, der sanft übers Haar streicht und die Hitze des vergangenen Tages vergessen lässt. Ramon, der alte, weise Geschichtenerzähler kämpft noch mit der verbliebenen Trägheit des Mittagschläfchens, als er bereits von seinen Nachbarn umringt wird. Alle bitten ihn, ihnen doch eine seiner wunderschönen Geschichten zu erzählen. Der Greis ist ein wenig geschmeichelt, zögert einen Augenblick zum Schein, lächelt, dann wendet er sich zum Gehen und ruft über die Schulter: "Also gut, wir treffen uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angezündet werden. Nein, ich verrate euch nicht, wo ihr sie findet. Ich bin sicher, dass ihr sie nicht verfehlen werdet!"
Ehe noch die Nacht plötzlich hereinfällt, haben sie den Baum gefunden. Neben den vielen alten Palmen, die in ihrer schlanken Schönheit winkenden Prinzessinnen gleichen, steht diese etwas abseits, doch so, dass ihre starken dunkelgrünen Blattfächer die neben ihr stehenden Bäume leicht berühren. Es ist ein eigenartig geformter Baum. Gedrungen, mit einem mächtigen Stamm und starken Fächern, die in ihren Bewegungen etwas schwerfällig wirken, hat er nichts von der Heiterkeit, die alle anderen Palmen so graziös macht. Das Merkwürdigste an der Palme aber ist, dass sie sich mit ihren Blattfächern zur Mitte neigt. "Ja, seht nur genau hin. Achtet auf das nächste Wehen des Windes, dann könnt ihr es sehen." Und da sehen sie es, als der Windstoß erneut in die Fächer der Bäume fährt und sie auseinander weht.
Im Herzen der mächtigen Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgrünen Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben drängen, liegt ein großer, rötlicher Stein, ein Stein, wie sie ungezählt am Strand herumliegen.
Ramon lässt keine Zeit zum Fragen und heißt alle sich hinsetzen. Ein Feuer wird in ihrer Mitte entzündet, und als die Flammen hell auflodern und Menschen wie Bäume in ein warmes Licht tauchen, beginnt seine Erzählung.
"Ihr wollt wissen, wie der Stein dort oben hinaufgekommen ist? Es geschah vor vielen, vielen Jahren, als die mächtige Palme noch ein winziger Bäumling war. Damals gab es hier noch keinen Brunnen und auch keine Häuser. Nur wenige Palmen standen am Strand. Und ihnen und dem kleinen Palmenschössling genügte das, was sie aus dem Sandboden als Nahrung und vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen.
Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik der Wellen. Sie liebte den lauen Wind an den Spätnachmittagen und die plötzlich hereinbrechende, oft kalte Nacht, die ihre Dunkelheit über alles legte, wie ein schwarzes Tuch. Und sie liebte den Mond und die unzähligen Sterne, wenn die Nacht klar war. Die kleine Palme wusste jedoch nicht, was wasserlos und leer bedeutete. Bis zu dem Tag, als dieser Mann kam. Er war tagelang durch die Wüste geirrt und war vor Hitze und Durst fast um den Verstand gekommen. Seine Hände waren wund und brannten vom vielen Graben nach Wasser, doch vergeblich. Alles in und an ihm war ein grenzenloser Schmerz. So stand er nun vor dem endlosen, salzigen Meer. Der Mann warf seinen ausgedorrten Körper in die Wellen und auf seinen aufgerissenen Lippen brannte der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte. Da packte ihn ein rasender Zorn und er schrie: "Ich will nicht sterben. Ich will leben. Oh, ich habe einen solchen Durst!" Sein Zorn gab ihm ungeahnte Kräfte und er griff nach einem Stein, hob ihn in die Hände, doch seine Arme zitterten, und es schien, als wollte ihn endgültig alle Kraft verlassen.
Da sah er neben sich den kleinen Palmenschössling stehen, der zwischen Geröll und Sand, in hellem Grün und voller Hoffnung auf die kommenden Tage wartete, um groß und stark zu werden. "Warum lebst du?" schrie der Mann. "Warum hast du alles, was du zum Dasein brauchst, während ich hier verdurste? Warum bist du jung und zufrieden. Ich habe nichts. Wenn ich hier sterbe, sollst auch du nicht leben!" Mit letzter Kraft presste er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes. Es knirschte und brach und dann kam eine entsetzliche Stille. Auch der Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Später fanden ihn Kameltreiber und retteten ihn.
Um den kleinen zerschmetterten Baum hatte sich niemand gekümmert. Sein Tod schien unausweichlich, denn er war unter der Last des Steines fast begraben. Die hellgrünen Blattfächer waren abgebrochen und verdorrten schnell in der gleißenden Sonne. Sein zartes Palmherz war gequetscht und der schwere Stein lastete auf dem zierlichen Stamm, dass er bei jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte. Der verdurstende Mann konnte die kleine Palme nicht töten, aber er hatte sie schwer verletzt.
Der kleine Baum spürte zu Anfang ungeheure Schmerzen, die sich zu Wolken zusammenballten und ihn überfielen. Doch fast gleichzeitig spürte er eine kleine Welle Kraft, die immer größer und stärker wurde und die schließlich den Schmerz verdrängte. Ganz allmählich wurde die Kraft mächtiger als der Schmerz. Der Baum versuchte, den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind, ihm zu helfen. So sehr sich der kleine Baum und der Wind auch mühten, es half nichts. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen des kleinen Palme, und rührte sich nicht.
Die kleine Palme sagte zu sich: "Ich gebe auf. Ich kann nicht mehr. Es ist so schwer. Es hat keinen Sinn mich aufzulehnen, also werde ich vertrocknen und eingehen. Es ist mein Schicksal, so früh zu sterben."
Aber da war eine andere Stimme, die leise flüsterte: "Gib dich nicht auf. Nichts ist zu schwer. Du musst es nur versuchen. Du musst." "Was soll ich denn tun?" fragte die kleine Palme entmutigt. "Der Wind kann mir nicht helfen und ich alleine bin zu schwach. Ich kann den Stein nicht abwerfen." "Du musst ihn nicht abwerfen", mahnte die Stimme eindringlich. "Du musst die Last des Steines annehmen, dann wirst du erleben, wie deine Kräfte wachsen!"
Der junge Baum hörte in seiner Not auf die Stimme und verschwendete keine Kraft mehr an das Bemühen, den Stein abzuschütteln, sondern er bettete ihn in die Mitte seiner Krone. Mit langen, kräftiger werdenden Wurzeln klammerte er sich in den Boden, denn mit seiner schweren Last brauchte er doppelten Halt. Es kam der Tag, an dem sich die Wurzeln so tief in den Boden gesenkt hatten, dass sie auf eine Wasserader stießen. Befreit schoss eine Quelle nach oben und wurde später in einen Brunnen gefasst.
Nun hatte der Baum festen Halt im Grund und dauerhafte Nahrung. Er begann nach oben zu wachsen und er legte breite, kräftige Fächerzweige um den Stein, und es schien fast so, als wolle er ihn beschützen. Sein Stamm wurde dicker und kräftiger, und mochten auch alle anderen Palmen am Strand höher und lieblicher sein, der Palmenbaum, den die Leute bald die "Steinpalme" nannten, war unbestritten der Mächtigste von ihnen. Seine Last hatte ihn herausgefordert gegen den Kleinmut und Verzagtheit zu kämpfen, und er hatte diesen Kampf gewonnen.
Nur, weil er seine Last angenommen hat, ist er so stark geworden, dass er sie beim Wachsen hoch hinaustragen konnte. Die Last liegt noch heute auf seinem Herzen, aber sie ist an eine Stelle gerückt, die sie tragbar macht. Sie ist ein Teil von ihm, der mehr aus ihm machte als nur eine schlanke, geschmeidige Palme, deren Blattfächer sich anmutig im Wind wiegen."
Ramon schweigt. Seine Zuhörer, die in dem verlöschenden Feuer nur noch undeutlich zu erkennen sind, bleiben noch eine Zeit lang schweigend sitzen und lassen die Geschichte in sich nachklingen.
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