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Projekt WISP
WEIDENER INITIATIVE FÜR SOZIALE POLITIK
frech, parteiunabhängig aber parteiisch für die Menschen in Weiden und dem Rest der Welt
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Beitrag |
Einmischer
Beiträge: 280 Ort: Bayern
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Erstellt: 25.05.08, 17:03 Betreff: Gesundheitswesen
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Krankes Deutsches Gesundheitswesen
Erfahrungsberichte Bekannter, Medienberichte und nicht zuletzt eigene Erlebnisse lassen für mich nur einen Schluß zu: unser Gesundheitssystem steuert parallel zur politischen Entwicklung auf einen Kollaps zu. Um nun nicht sofort in die Ecke des typischen deutschen Schwarzsehers gestellt zu werden versuche ich ein paar meiner Gedanken näher zu erläutern.
Flächendeckend in Bayern (ich vermute ähnliches in den anderen Bundesländern) stellt man ein Massensterben von Hausarztpraxen fest. Ärzte geben auf beziehungsweise finden keine NachfolgerIn wenn sie sich aus Altersgründen vom Beruf zurückziehen, besonders betroffen sind ländliche Gebiete. Das sind überwiegend Ärzte/Innen, die ihre Patienten länger kennen, wo noch ein Vertrauensverhältnis auf beiden Seiten besteht, die "ganzheitlich" behandeln und nicht selten auch erfolgreiche Psychotherapeuten sind. Ich erinnere mich an meine Mutter, die fast immer zufrieden und mit einem Lächeln von "ihrem Arzt" zurückkam, mag es vorher auch noch so geschmerzt und sich Ängste eingenistet haben. Nachträglich danke an diesen verständnisvollen menschlichen Arzt!!
Nun kommen unsere Gesundheitsexperten, die Krankenkassenvertreter, jede Menge Berater und Gutachter und nicht zu vergessen die Lobbyisten ins Spiel! Da heißt es plötzlich: diesen Sozialstaat mit der alles und jeden auffangenden Hängematte können wir uns nicht mehr leisten. Was jahrzehntelang reibungslos funktionierte, das geht nicht mehr, die Welt hat sich verändert, man muss mit der Zeit gehen, innovativ sein. Alle Beteiligten haben natürlich nur das Gemeinwohl im Sinn, ein Schelm wer anderes denkt. Also zweifelt man erst einmal die Qualifikation dieser Hausärzte an, die haben ja im vorigen Jahrhundert ihre Ausbildung gemacht, keine Fortbildung abgeleistet, lauschen noch mit dem Hörrohr nach Herz-,Lungen- und Bauchtönen, von der Verweigerung, klassisches Mobiliar gegen modernste(störanfällige) Elektronik auszutauschen ganz zu schweigen, bis hin zur Unfähigkeit, mit sich ständig ändernden PC-Programmen umzugehen reichen diese schwersten Vorwürfe.
Auch ich muss zugeben, Arzt/Ärztin soll mit der Zeit gehen, wenn nötig so weit, dass für das Patientengespräch und die Behandlung selbst maximal 5 Prozent der gesamten Zeit zur Verfügung stehen, die restlichen 95 Prozent mit organisatorischen Arbeiten und Beantwortung von Rückfragen wichtiger Institutionen (Kontrollorganen)verbraucht werden. Und wenn sich nach diesen Gesprächen herausstellt, dass der Patient statt der vom Hausarzt diagnostizierten Scheinschwangerschaft an einer eitrigen Mandelentzündung leidet(in diesem Fall muss der Patient vielleicht eine höhere Eigenbeteiligung oder gar die ganze Behandlung selbst bezahlen) dann hat im Zweifelsfall immer die Kontrollbehörde recht, die ist ja vom Gesetzgebeber legitimiert worden. Und wenn Fragen vom Arbeitgeber des Patienten kommen, dann hat der Arzt gefälligst zu antworten! Und in unserer freien Marktwirtschaft dem erfolgreichen Arzt, zu erkennen am Zuspruch von Patienten, gar zubilligen zu wollen, etwas mehr zu verdienen als ein Politfunktionär oder Leitende Schreibtischtäter in gesetzlichen Krankenkassen, das grenzt schon an Hochverrat und man müsste dann schäublesche/becksteinsche Überlegungen zur Rundumobservation anstellen. Um solchem sozialen Wildwuchs vorzubeugen hat man die Budgetdeckelung für die Allgemeinärzte und die Abrechnung auf Honorarbasis geschaffen. Erlaubt sich ein solcher, bewährte dringend notwendige Dauermedikation weiter zu verordnen, kann er schon mal sein zurückgelegtes Urlaubsgeld zinsgünstigst kurzzeitig anlegen, da er mit größter Sicherheit spätestens Anfang des nächsten Jahres mit einer Rückforderungsklage zu rechnen hat.
Wundert sich noch jemand, wenn unter solchen Bedingungen keine Nachfolger für Allgemeinarztpraxen gefunden werden? Ich kann mir vorstellen, dass kein Hausarzt mehr von der Behandlung gesetzlich versicherter Patienten auf einigermaßen gutem Lebensstandard kommt! Und mag er auch noch so viele in das Zwangssystem Hausarztmodell einbinden(eine wundersame Erfindung der Gesundheitsexperten!), das sowohl ihm als auch dem Patienten die Mündigkeit abspricht. Der Arztberuf setzt nach meinem Verständnis einen hohen Grad an Idealismus voraus, im Idealfall ist dieser Beruf eine Berufung.
Was nützen aber diese Voraussetzungen, wenn der Gesetzgeber in Zusammenarbeit mit Standes-/Interessenverbänden/Industrie/Aktienunternehmen durch die Schaffung von restrektiven Rahmenbedingungen diesen ÄrztenInnen eine vernünftige Existenzgrundlage verweigert? Welche Rolle die Patienten hier spielen brauche ich eigentlich nicht mehr anzusprechen. In modernen(vom Gesetzgeber und Lobbyisten gewollten) Medizinischen Gesundheitszentren ist der Kranke kein hilfebedürftiges Individuum mehr sondern ein Kostenfaktor. Es gründen sich Krankenhaus AG´s die nach streng wirtschaftlichen Aspekten arbeiten "müssen"(Aussage zum Beispiel von Josef Götz, Vorstandsvorsitzender der Kliniken Nordoberpfalz AG). Solche und andere undurchschaubare Mammutprojekte werden meist durch Kapitalgesellschaften wie z. B. Asklepios, Fresinus, sana....getragen, die teilweise weltweit agieren und die ich mit anderen Kapitalgesellschaften vergleichen möchte, bei denen es um die Rendite für die Aktionäre geht und die auch unter dem Namen "Heuschrecken" bekannt geworden sind. In diesem Gefüge ist kein Platz mehr für den kleinen Hausarzt, vermutlich ist er sogar ein Störfaktor in diesem großen Gebilde wenn er menschlich handelt beziehungsweise behandelt.
Die Politik hat das begriffen, alle möglichen Störfaktoren müssen ausgeschaltet werden, die eventuell eigene Nebeneinkünfte gefährden könnten. Genauer: jeder Rentner, Arbeitslose, chronisch Kranke und Behinderte ist ein Negativfaktor in der Bilanz. Stirbt er, verbessert dies die Rendite! Außer vielleicht, man kann ihn noch zu Versuchszwecken für die Pharma- oder Genindustrie gebrauchen. Ein zentralistisches kapitalgestütztes Gesundheitssystem einschließlich Pflegemammutunternehmen schafft dafür beste Voraussetzungen. Also wird es immer öfter bei Notfällen an Kliniktüren heißen: Annahme verweigert, keine Renditeaussicht! Hausbesuche?- warten Sie bis die Feiertage vorbei sind, da hat unser Callcenter wieder Zugriff auf Notärzte. Ach so, Sie haben Angst wegen Infarkt oder Verbluten eines Angehörigen - ich verbinde Sie mit der Hotline in Singapur, die ist spezialisiert auf solche Fälle......
Meine Mutter hatte noch etwas Glück, das neue innovative Gesundheitssystem war erst in den Anfängen - sie durfte länger leben!!!!!
Und wir und unsere Kinder?????
Einmischer
[editiert: 31.05.08, 09:21 von Einmischer]
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Bernd
Beiträge: 1239 Ort: Berlin
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Erstellt: 25.05.08, 17:15 Betreff: Re: Gesundheitswesen
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... Kompliment, der Beitrag ist leitartikelreif !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! 
der WISP-spezial-Chefreduktör 
____________________ Die hohe Kunst der Volksverarschung ist es, selbiges so schnell über den Tisch zu ziehen, daß die dabei entstehende Reibung als Nestwärme empfunden wird.
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Anke
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Erstellt: 25.05.08, 18:01 Betreff: Re: Gesundheitswesen
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Ganz stark dieser Artikel und wie aus dem Leben gegriffen.
Ende März erhielt ich eine Karte aus der Reha Klinik von einer guten Bekannten mit folgenden Inhalt:
Liebe Anke! Viele Grüße aus der Reha sendet Dir Karin. Mir geht es gut und ich werde ab 01.04.08 wieder arbeiten gehen. Ich melde mich telefonisch wenn ich wieder zu Hause bin. Bis bald. Karin
Leider war das die vorletzte Meldung die ich von Ihr bekam und jemals bekommen werde. Sie ist vor einigen Tagen verstorben. Karin, 53 Jahre, Mutter von 3 Kindern, das jüngste 13 Jahre, alleinerziehend, hatte Krebs, war 78 Wochen krank geschrieben, hatte den ganzen Chemokrampf hinter sich und bekam noch ca. 3 Jahre EU-Rente. Durch mehere Besuche konnte ich feststellen "Ihr ging es gut" Zu Haus in Ihrer gewohnten Umgebung fühlte sie sich wohl. Die 30 kg die sie abgenommen hatte, waren fast nicht mehr zu sehen. Dann kam Anfang des Jahres der Bescheid, dass die EU-Rente nicht mehr verlängert wird. Nach langem Streit mit dem Rententräger wurde die EU-Rente gnädiger Weise um einen Monat verlängert. Dann folgte noch eine Kur, die oben genannte. Als arbeitsfähig entlassen, ihr betreuender Arzt bestätigte die "Guten Ergebnisse". Mit einem unwohlen Gefühl und Angst vor dem was Sie erwartete trat sie am 01.04.08 die Arbeit an. Man hatte auch "versäumt" ihr zu sagen dass nach solcher Krankheit man langsam anfangen könnte ( Stundenweise).
Der große Zusammenbruch ließ nicht lange auf sich warten.
Als hilfloses Individuum und Kostenfaktor ließ man Sie ahnungslos gehen. Ich bin überzeugt dass eine Verlängerung der EU-Rente Ihr Leben erheblich verlängert hätte und kann nur hoffen, dass die hinterbliebenen Angehörigen nicht ruhen werden bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
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Einmischer
Beiträge: 280 Ort: Bayern
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